Mit der Bahn kreuz und quer durch die Hohe Tatra

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Ein Zug der Elektrischen Tatrabahnen (TEŽ) im Abzweigebahnhof Starý Snokovec. (Foto: Daniel Kortschak)

Von Daniel Kortschak

Ein spontaner Wochenendausflug hat mich in die Hohe Tatra geführt. Natürlich mit der Bahn. Und auch vor Ort ist man mit den Elektrischen Tatrabahnen (TEŽ) ohne Auto bestens mobil.

Nach der Anreise mit dem durchgehenden Intercity aus Wien und einem kurzen Abendspaziergang durch Poprad stand eine Nacht im Tatra Hotel an. Sie war nicht besonders erholsam. Dafür haben „nette“ Zimmernachbarn gesorgt, die um zwei und um drei Uhr morgens gemeint haben, laut auf dem Gang herumbrüllen zu müssen. Das ist schnell vergessen, als mich am nächsten Morgen Poprad mit strahlendem Sonnenschein begrüßt. Aus meinem Zimmerfenster sehe ich hauptsächlich auf die benachbarten Plattenbauten und die Hügel, die sich in der Ferne aus dem Nebel abheben. Vom Raucherbalkon auf der anderen Seite des Hotels ergibt sich aber ein atemberaubender Blick auf die 2.000 bis über 2.500 Meter hohen und schon leicht mit Schnee bedeckten Gipfel der Hohen Tatra. Getrübt wird diese Aussicht allerdings durch die beiden riesigen Supermärkte, die man an den Rand der Innenstadt von Poprad geknallt hat, dazu noch die riesigen, völlig kahlen Parkflächen. Ein Musterbeispiel für maximale Flächenverschwendung und extreme Bodenversiegelung.

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Herrliche Aussicht auf die Hohe Tatra. Leider getrübt durch die Blech- und Betonklötze der Supermärkte im Vordergund. (Foto: Daniel Kortschak)

Trotzdem – und mit schlechtem Gewissen – lande auch ich auf dem Weg zum Bahnhof in einem dieser Monster-Märkte. Es ist die nächstgelegene Möglichkeit, sich mit etwas Proviant einzudecken und ein paar Mitbringsel zu kaufen. Mir macht es keinen Spaß zwischen allerlei Ramsch und Körben voller Aktionsware die paar Dinge zusammenzusuchen, die ich kaufen möchte. Die Poprader scheinen das anders zu sehen: Sie sind schon am frühen Sonntagmorgen zahlreich und mit Begeisterung am Einkaufen.

Auf dem weiteren Weg zum Bahnhof quere ich den Busbahnhof. Auch hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Das riesige Terminal mit seinen Dutzenden von Bussteigen präsentiert sich im Zustand der Achtzigerjahre. Allerdings ist das Relikt aus früheren Zeiten sehr gepflegt: Die Dachsäulen und die Sitzbänke sind frisch gestrichen, die Haltestellenbereiche sauber gekehrt.

Ganz ähnlich ist der Zustand des Bahnhofs Poprad-Tatry: Auch er kann seine Entstehung zu Zeiten der ČSSR nicht verleugnen. Aber alle wesentlichen Ausstattungsmerkmale wie Rolltreppen, Anzeigetafeln oder Sitzbänke sind erneuert worden. Und auch hier fällt die Sauberkeit sehr positiv auf. Auf dem Weg zur oberen Bahnhofsebene, wo die Elektrischen Tatrabahnen (TEŽ) abfahren, versuche ich noch am Fahrscheinautomaten eine Tageskarte für diese schaffnerlos betriebenen Bahnen zu kaufen. Das gelingt erst nach einigen Versuchen: In Sachen Bedienfreundlichkeit ist der Apparat auf dem Niveau der 1990er-Jahre stecken geblieben. Nach einigen Fehlwürfen habe ich endlich zwei Zwei-Euro-Stücke gefunden, die der Automat anzunehmen bereit ist. Aber ich will mich nicht beklagen: Für vier Euro einen ganzen Tag kreuz und quer durch die Hohe Tatra fahren zu können ist ein mehr als günstiges Angebot.

Auf schmaler Spur und elektrisch entlang der Hohen Tatra

Die für die Bahnhöfe in Tschechien und der Slowakei so typischen ausführlichen automatischen Durchsagen kündigen neben dem Schnellzug nach Bratislava und dem Intercity nach Košice auch schon den „Elektrischen Lokalbahnzug nach Štrbské Pleso über Starý Smokovec, Abfahrt: 9 Uhr 34 Minuten, auf Gleis Zwei der Bahnsteige der Elektrischen Schmalspurbahn“ an. Und dort steht auch schon der Zug bereit: Er besteht aus zwei jener Schmalspurtriebwagen, die die Slowakischen Eisenbahnen um die Jahrtausendwende beim Schweizer Hersteller Stadler gekauft haben, um die betagten Garnituren aus einheimischer Produktion abzulösen. Und die Doppelgarnitur wird an diesem sonnigen Sonntagmorgen auch dringend gebraucht: Der Fahrgastandrang ist beachtlich. Neben einer größeren Kindergruppe sind auch unzählige Wanderer, Touristen und Senioren im Zug. Im vorderen Zugteil finde ich aber noch einen freien Sitzplatz. Auch für meinen Rucksack ist in der geräumigen Gepräckablage genügend Platz. Für Fahrräder und Skier sind ebenfalls entsprechende Halterungen vorhanden.

Bevor ich endgültig Platz nehme, stemple ich noch meine Fahrkarte in einem der für Tschechien und die Slowakei so typischen gelben Straßenbahn-Entwerter ab. Die TEŽ werden wie städtische Verkehrsmittel im Selbstbedienungsmodus betrieben. Automatische Durchsagen auf Slowakisch und Englisch weisen nach jedem Halt auf diese besondere Betriebsform hin: „Bitte vergessen Sie nicht, Ihre Fahrkarte an einem der Entwerter im Zug abzustempeln.“

Der Zug ist einmal mehr sehr sauber und gepflegt, die fast 20 Jahre, die er schon auf dem Buckel hat, sieht man ihm nicht an. Und er ist gnadenlos überheizt: Die Heizungskanäle, die unter den Sitzen entlang der Außenwand verlaufen, glühen beinahe. Ein Phänomen aus früheren Zeiten, als Heizenergie so gut wie nichts gekostet hat, das einem in der Slowakei noch heute sehr häufig begegnet.

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Schmalspur-Triebwagen der Elektrischen Tatrabahnen (TEŽ) vor der Abfahrt im Bahnhof Poprad-Tatry. (Foto: Daniel Kortschak)

Während sich der Zug am Fuße der beeindruckenden Bergkulisse immer weiter nach oben schlängelt, steigen an den Zwischenstationen immer mehr Fahrgäste zu. Den Abzweige- und Kreuzungsbahnhof Starý Smokovec erreicht die Triebwagengarnitur dann beinahe voll besetzt. Dort, am stattlichen Bahnhof, bewegen sich dann wahre Menschenmassen über die Bahnsteige: Sie steigen ein, aus oder um. Ich verlasse den Zug und sehe mich kurz am Bahnhof um: Im vorbildlich renovierten Bahnhofsgebäude finden sich neben – natürlich geöffneten – Personenkassen auch ein Imbissstand, ein Restaurant und sogar eine von den Slowakischen Eisenbahnen ŽSR betriebene Pension: Es ist die Personalunterkunft, die gegen entsprechende Nächtigungsgebühr auch externen Gästen offen steht. Eingerahmt wird der Bahnhof von einigen historischen Fachwerk-Villen, Pensionen und den unvermeidlichen Plattenbauten.

Nach kurzem Aufenthalt setzen sich die drei im Bahnhof angekommenen Züge wieder in Bewegung: Der Zug, mit dem ich aus Poprad gekommen bin, setzt seine Fahrt Richtung Štrbské Pleso fort, der Gegenzug fährt weiter nach Poprad und die dritte Triebwagengarnitur, in der ich Platz nehme, fährt nach Tatranská Lomnica. Die Fahrdienstleiterin gibt einem Zug nach dem anderen per Signalstab den Abfahrtsauftrag. Nach rund einer Viertelstunde erreiche ich Tatranská Lomnica, ein weiteres Touristenzentrum, das aus einigen historischen Gebäuden und vielen Betonkisten, von denen die meisten schon bessere Zeiten erlebt haben, besteht. Entlang der Strecke zeigen sich zu meiner Linken die steilen Abhänge der Hohen Tatra, rechts liegt im Dunst das weite Tal um Poprad. In der Endstation hält die elektrische Schmalspurbahn dann an einem schlichten, nicht überdachten Asphaltbahnsteig.

Nebenbahnidylle in Tatranská Lomnica

Gegenüber, nur durch einen Grünstreifen getrennt, liegt der Endbahnhof der normalspurigen, nicht elektrifizierten Lokalbahn Richtung Studený Potok. Vor dem hübschen, hölzernen Bahnhofsgebäude mit angeschlossener Restauration steht ein Dieseltriebwagen der Reihe 812 mit laufendem Motor. Es ist einer jener typischen zweiachsigen Nebenbahn-Triebwagen, die in den 1970er und 1980er Jahren zu Hunderten für die damaligen Tschechoslowakischen Staatsbahnen ČSD und die ungarische MÁV gebaut wurden und die in unterschiedlichen Modernisierungsvarianten bis heute das Rückgrat des Betriebes auf vielen Strecken bilden. Kurz vor der regulären Abfahrtszeit gibt der Lokführer im Leerlauf ordentlich Gas: Der kleine Motor muss bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt offenbar noch auf Betriebstemperatur kommen.

Ich mache mich schließlich mit demselben Zug, mit dem ich angekommen bin, auf den Rückweg nach Starý Smokovec. Dort angekommen bietet sich wieder das Schauspiel mit drei im Bahnhof stehenden Scchmalspur-Zügen und Dutzenden Menschen, die dazwischen umsteigen. Auch ich steige um, diesmal in den Zug Richtung Štrbské Pleso. Auf den kommenden 16 Kilometern schlängelt sich der Zug über beachtliche Steigungen, durch beängstigend enge Gleisbögen und über beindruckend kühne Viadukte durch die Ausläufer der Hohen Tatra. Viele der Zwischenstationen bestehen nur aus einem Schild, einer Sitzbank und einem Fahrplanaushang. Es sind aber auch richtige Bahnhöfe dabei, etwa Nová Polianka oder Vyšné Hágy, wo Fahrdienstleiter den Zugverkehr und die Kreuzungen mit dem Gegenzug regeln. Nach einer guten halben Stunde erreichen wir den Endbahnhof Štrbské Pleso.

Das in den steilen Hang gebaute Bahnhofsgebäude präsentiert sich im Orginalzustand der Siebzigerjahre. In der unteren Ebene liegen neben einem Postamt auch die Toiletten. Nachdem die TEŽ-Züge über keine WCs verfügen, führt mich mein erster Weg dorthin. Für 30 Cent „ausnahmslos im Voraus zu entrichten“, wie ein Schild mahnt, bekommt man nicht nur tadellos saubere Sanitäranlagen geboten, sondern von der freundlichen Aufsicht hinter einem Fensterchen auch einen eigenen Toilettenbenützungsschein ausgehändigt. Anschließend gehe ich in die obere Ebene, wo die große, mit viel Holz dekorierte Bahnhofshalle liegt. Sie ist mit Dutzenden Grünpflanzen vollgestellt, die das Personal hier zum Überwintern eingestellt hat. Auch hier gibt es Fahrkartenschalter und auch hier sind sie sonntags geöffnet. Außerdem lockt das große Bahnhofsrestaurant mit Szegediner Gulasch als Tagesgericht für 4,90 Euro.

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Zeitreise in die Siebziger: Bahnhofsrestaurant in Štrbské Pleso. (Foto: Daniel Kortschak)

Ich gehe trotzdem lieber zu dem altmodischen Verkaufspult, hinter dem ein älterer Mann von Zeitschriften, über Süßigkeiten bis hin zu Wanderkarten und Andenken alles anbietet, was das Touristenherz begehrt. Auch Postkarten verkauft er. Die Züge der Schmalspurbahnen dürfen da als Motiv nicht fehlen. Briefmarken gehören ebenfalls zum Sortiment. Leider sind die passenden Werte aber ausgegangen. Mit einer kreativen Stückelung – sechs Briefmarken à 20 Cent – und einer leichten Überzahlung –  Marken zu 1,30 statt der nötigen 1,20 Euro – bekommen meine Ansichtskarten schließlich trotzdem alle ihre Postwertzeichen.

Der ältere Mann amüsiert sich köstlich, als ich die sechs Marken mühsam auf der Karte drapiere und meint, ich solle doch eine Entschuldigung für den Postler draufschreiben: „Sorry, der Alte am Kiosk hatte keine passenden Marken mehr.“ Die Kommunikation klappt ohne Probleme: Ich spreche tschechisch, der Kioskbesitzer slowakisch. Wie gut, dass sich die beiden Sprachen so ähnlich sind. Und gut, dass man hier auf Touristen aus Tschechien eingestellt ist. Wenn dann ein Österreicher kommt, der tschechisch spricht, soll’s auch recht sein. Hauptsache, man versteht sich. Auch die Polen, die vor mir eingekauft haben, konnten sich ohne Probleme verständlich machen: Die Grenze verläuft direkt über den Tatra-Kamm, die Einheimischen kommen dementsprechend ganz gut mit der Sprache ihrer Nachbarn zurecht.

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Über Ästhetik kann man streiten: Buffet im Bergort Štrbské Pleso. (Foto: Daniel Kortschak)

Nach dem Einkauf mache ich mich auf zu einem kleinen Spaziergang durch den Bergort. Massive Hotelbauten aus verschiedenen Epochen, Souvenirläden und Imbissbuden mit schreiend bunten Reklameaufschriften und Körben voller Ramsch säumen den Weg Richtung See. Dieser glasklare Gebirgssee hat Štrbské Pleso seinen Namen gegeben. Deutlich eleganter als die Bauten direkt um den Bahnhof ist das historische Fachwerk-Hotel mit seinen verschieden großen Pavillons, das eine internationale Luxushotelkette um einigermaßen dezente und geschmackvolle Neubauten ergänzt hat. Hinter den großen Panoramascheiben des Wellness-Bereichs räkeln sich auffällig geschminkte und perfekt frisierte Frauen mittleren Alters. Hier entspannt sich ganz offenbar die reiche Oberschicht. Die großen Limousinen und protzigen SUV mit Kennzeichen aus Bratislava, Prag, Brünn, Warschau und Wien, die vor dem Hotel parken, unterstreichen diesen Eindruck.

Die Berge verstecken sich im Nebel

Vom beeindruckenden Panorama der Zweienhalbtausender, die direkt hinter dem See in den Himmel wachsen, ist leider nichts mehr zu sehen: Während meiner Fahrt von Starý Smokovec nach Štrbské Pleso ist dichter Nebel über die Gipfel der Hohen Tatra hereingezogen und es hat leicht zu schneien begonnen. Auch über das Tal und die gegenüberliegenden Hügel ist Nebel gezogen, das dadurch entstehende Panorama ist großartig. Nach dem Blick ins Tal von der Aussichtsterrasse beschließe ich, den See zu umrunden. Diese Idee haben außer mir auch noch unzählige weitere Sonntagsausflügler: Auf dem breiten Promenadenweg herrscht Betrieb wie in einer belebten Geschäftsstraße. Trotzdem genieße ich die gute Bergluft. Anschließend kaufe ich noch schnell an einem der zahlreichen Marktstände ein paar lokale Süßigkeiten und dann geht es zurück Richtung Bahnhof. Dort kündigt bald eine altmodische Durchsage des Fahrdienstleiters die Einfahrt meines Zuges an: „Elektrischer Zahnradzug nach Štrba fährt am Zahnradbahnsteig ein.“ Wenige Augenblicke später kriecht schon der betagte Triebwagen den Berg herauf. Der fast fünfzig Jahre alte, für die Wiedereröffnung der Zahnradbahn zur Alpinen Ski-WM 1970 in der Schweiz angeschaffte Triebwagen präsentiert sich innen wie außen perfekt in Schuss.

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Ein Zahnradtriebwagen der Elektrischen Tatrabahnen (TEŽ) bei der Einfahrt in die Bergstation Štrbské Pleso. (Foto: Daniel Kortschak)

Nach kurzem, aber intensivem Fahrgastwechseln geht es zurück Richtung Tal. Nach einer Zwischenstation auf einer Waldlichtung und grandiosen Ausblicken ins weite Tal erreichen wir den Zahnradbahnhof Štrba. Er liegt oberhalb der Schnellzugstation und ist mit dem historischen Bahnhof über Rolltreppen verbunden, die allerdings schon seit Jahren außer Betrieb sind. Ihren Betrieb eingestellt hat auch die Restauration „Zur Zahnradbahn“. Hinter verstaubten Scheiben hängen vergilbte Gardinen, „Geschlossen“ steht auf einem verwitterten Zettel.

Unten in der alten Bahnhofshalle bietet eine Konditorei ihre Köstlichkeiten an. Leider gibt es aber kein Bier. Deshalb muss ich auf das Bahnhofsbuffet am Hausbahnsteig ausweichen: Neben einem Verkauf direkt auf den Bahnsteig gibt es auch einen überdachten Vorgarten und zwei Biertische im Durchgang zum Bahnsteig. In seiner Aufmachung mit dem altmodischen Hinweisschild und den handgemalten hölzernen Reklametafeln ist das Buffet total aus der Zeit gefallen. Für mich werden Kindheitserinnerungen wach: An die Zeit, als es auch auf fast allen größeren und auch einigen kleineren Bahnhöfen in Österreich noch solche Buffets mit Bahnsteigverkauf gegeben hat. Inzwischen sind sie eine absolute Seltenheit geworden und nur noch ganz vereinzelt zu finden. Zum Beispiel in Vöcklabruck, in Hallein oder in Stainach-Irdning.

Kurze Stärkung im Bahnhofsbuffet

Zurück nach Štrba: Weil es immer kälter und ungemütlicher wird, entschließe ich mich, mir mein Bier im Inneren des Bahnhofsbufftes zu bestellen. Dort ist es zwar tatsächlich warm, der Raum ist allerdings so klein, dass darin neben der Schank und Regalen voller Flaschen und Süßigkeiten gerade zwei Tische Platz haben. Und die sind von Stammgästen belegt. Also hole ich mir mein Bier an der Theke und traue meinen Ohren kaum: Das große Bier vom Faß kostet tatsächlich nur einen Euro. Dann setze ich mich an den einzigen Tisch, den die zahlreichen Raucher freigelassen haben: Sie müssen ins Freie ausweichen, weil das strenge Rauchverbot in der Slowakei selbstverständlich auch für das Bahnhofsbuffet gilt. Und im Übrigen auch für alle Bahnsteige und sonstige Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel. Deshalb sind die Rauchertische hinter dem Buffet angeordnet. So sind sie nicht mehr im überdachten Bahnsteigbereich und respektieren die Vier-Meter-Bannmeile von der Bahnsteigkante entfernt, in der nicht geraucht werden darf.

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Altmodisch: das Bahnhofsbuffet von Štrba. (Foto: Daniel Kortschak)

Ich schaffe es gerade so mein Bier auszutrinken und bei die Postkarten fertigzuschreiben, da kommt schon die Durchsage „Schnellzug 608 ‚Univesität Žilina‘ von Košice nach Bratislava fährt ein. Der Wagen Erster Klasse mit der Ordnungsnummer eins und der Speisewagen sowie der Wagen mit der fahrenden Gepäckaufbewahrung, dem reservierungspflichtigen Fahrradabteil und dem Abteil für Mütter mit Kleinkindern mit der Ordungsnummer zwei sind an der Zugspitze hinter der Lokomotive gereiht.“ Zum Glück hängt direkt am Bahnsteig ein Briefkasten. Unmittelbar danach fährt der Zug mit mehreren Minuten Vorsprung auf den Fahrplan auch schon ein. Mit seinen sage und schreibe 13 Wagen ist er eine mehr als beeindruckende Erscheinung. Und obwohl er so viele Waggons führt, ist er voll besetzt.

Zum Glück habe ich reserviert, sonst müsste ich die Fahrt bis Bratislava wohl wie so viele andere Fahrgäste auf der Einstiegsplattform, im Gepäckregal oder auf dem Fußboden verbringen. Die mehr als gute Auslastung der Züge hat einen einfachen Grund: Studenten und Senioren fahren in der Slowakei seit einigen Jahren völlig kostenlos in allen Zügen mit Ausnahme der Intercitys. Ich kämpfe mich zu meinem reservierten Platz durch. Leider ist er nicht explizit gekennzeichnet, sondern nur mit der allgemeinen und unter den Fahrgästen denkbar unbeliebten Bemerkung „Expressreservierung – bei Bedarf bitte freigeben“ versehen. „Express“ ist für die Slowakische Eisenbahngesellschaft offenbar ein sehr weit dehnbarer Begriff. Denn reserviert habe ich viele Tage im Voraus. Der junge Mann, der es sich auf meinem Fenstersitz bequem gemacht hat, macht aber sofort und ohne Murren Platz. In dem noch aus DDR-Produktion stammenden und später um Steckdosen und eine Klimaanlage ergänzten früheren Erste-Klasse-Waggon mit seinen gemütlichen, allerdings inzwischen reichlich speckigen roten Plüschsitzen genieße ich die Fahrt durch die wildromantische Landschaft: Brücken und Tunnels wechseln sich in rascher Folge ab, über die Flüsse Belá und Waag zieht Nebel.

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Der diskrete Charme der DDR: slowakischer Schnellzugwagen aus ostdeutscher Produktion. (Foto: Daniel Kortschak)

Nach etwa einer Stunde – mein Abteil ist inzwischen voll besetzt – beschließe ich, zu einem späten Mittagessen in den Speisewagen zu gehen. Kein einfaches Unterfangen, sich durch all die stehenden, auf Klappsitzen und auf dem Boden sitzenden oder an den Wänden lehnenden Fahrgäste zu quetschen. Ganze neun Waggons muss ich durchqueren, bis ich endlich das Bordrestaurant erreiche. Auch das ist sehr gut frequentiert. Aber an einem der wieder üppig gedeckten gedeckten Tische ist noch Platz. Schon wenig später kommt die ausgesprochen gut gelaunte Kellnerin und ich bestelle ein Wiener Schnitzel mit Stampfkartoffeln. Als ich vom Händewaschen zurückkomme, wird es in der Küche schon fleißig geklopft. Wenig später setzen sich noch ein slowakisches Pärchen und ein junger Tscheche zu mir an den Tisch. Wir sind uns schnell einig, dass der Speisewagen eindeutig der beste Platz in einem slowakischen Schnellzug ist. Als nach und nach und nach unser Essen gebracht wird, wünschen wir uns gegenseitig guten Appetit. Mein Schnitzel und die Kartoffeln schmecken ausgezeichnet. Und die Portion ist für den günstigen Preis von rund sechs Euro mehr als reichlich.

Irgendwann schaut auch der Schaffner vorbei. Der Tscheche am Tisch erkundigt sich nach seinem Anschlusszug Richtung Prag in Púchov. Wir haben nämlich ein wenig Verspätung ausgefasst, die wohl dem extrem hohen Fahrgastwechsel in den Zwischenstationen geschuldet ist. Der Schaffner antwortet mit einem Lächeln: „Seien sie beruhigt. Ich habe mit dem Dispatcher telefoniert. Der Express nach Olmütz und Prag wartet auf Bahnsteig zwei gegenüber auf Sie.“ Und als wir etwa eine halbe Stunde später in Púchov einrollen, verkündet der Schaffner noch einmal: „Expresszug 122 ‚Fatra‘ nach Prag über Olmütz steht abfahrtbereit auf Bahnsteig zwei, Gleis fünf gegenüber. Bitte rasch umsteigen!“

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Etwa eine Stunde vor der Ankunft in Bratislava verabschiede ich mich von meinen verbliebenen beiden Tischgenossen und kehre in mein Abteil zurück. Obwohl der Zug inzwischen aus allen Nähten platzt, ist mein Sitzplatz immer noch frei. Die restliche Fahrt in die Abenddämmerung vergeht wie im Flug. Pünktlich erreichen wir Bratislava-Vinohrady. In diesem ziemlich spartanisch ausgestatteten Vorortbahnhof verlassen viele Reisende unseren Zug und eilen zu den nahe gelegenen Bus- und Straßenbahnhaltestellen. Trotzdem dauert es dann im Hauptbahnhof von Bratislava noch immer mehrere Minuten, bis ich zur Treppe vordringe: Der Zug hat so viele Menschen ausgespuckt, dass es sich auf dem Bahnsteig gewaltig staut. Hinzu kommt, dass Teile das Bahnhofs gerade gesperrt sind, weil Aufzüge eingebaut werden. Was für eine Leistung im Jahr 2018 im Hauptbahnhof einer Hauptstadt.

Insgesamt gleicht der zu Zeiten des Kommunismus errichtete Bahnhof einer Ruine: Ein jahrelanger Rechtsstreit mit einem dubiosen Investor, der in den wilden 1990ern Teile des Komplexes übernommen, dann aber seine großen Pläne nie verwirklicht hat, haben jede Renovierung des Gebäudes verhindert. Das gilt auch für die Bahnhofswirtschaft, in der ich mich niederlasse, um die gut 40 Minuten Wartezeit auf den Regionalexpress nach Wien zu überbrücken: Das Mobiliar ist desolat, die Vorhänge steif vor Nikotin – hier kümmert sich niemand um das Rauchverbot – und der Großteil der Gäste kann sich nur mehr mühsam auf den Sesseln halten, weil das Bier hier in Strömen fließt. Auch der Kellner macht schon einen ziemlich mitgenommenen Eindruck. Aber bei einem Preis von 1,50 Euro für das große Bier vom Fass darf man sich auch in der Slowakei keinen Luxus erwarten, schon gar nicht in der teuren Hauptstadt.

Im REX zurück nach Wien

Die restliche Stunde der langen Reise verbringe ich im mehr als gut besetzten Regionalexpress nach Wien. Ich bin einmal mehr froh, dass seit einiger Zeit in der österreichschen „Cityshuttle“-Wendezuggarnitur ein modernisierter slowakischer Waggon mitläuft. So kann ich an einer der Steckdosen mein Handy aufladen. In den österreichischen Wagen würde man die vergeblich suchen. Und im Sommer ist gerade im heißen Marchfeld die Klimaanlage ein Segen.

Am nächsten Tag zurück in Linz denke ich mit Freude an den schönen und hochinteressanten Kurztrip in die Hohe Tatra zurück. Und bitte per E-Mail das Kundenzentrum der Slowakischen Eisenbahnen höflich um die Erstattung des Aufschlages für die misslungene Hinfahrt in der Ersten Klasse. Die Antwort erfolgt nach unglaublichen drei Minuten: „Entschuldigen Sie bitte, dass Sie bei Ihrer Reise mit uns Unannehmlichkeiten hatten. Die zuständige Abteilung wird ihnen das Geld umgehend rücküberweisen.“ Ich bin sprachlos. Und denke an meine letzte derartige Mails an die Austrian Airlines nach einem reichlich unerfreulichen Transatlantikflug: Auf die Beantwortung warte ich seit fast drei Monaten, nur zwei Vertröstungsschreiben mit Verweis auf das „außerordentlich hohe Aufkommen von Kundenanfragen“ habe ich bisher bekommen. Und dann hört man in Tschechien und der Slowakei so oft: „Im Westen ist alles besser.“  Von wegen!

 

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