Mit dem REX in die Hohe Tatra


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Der REX 2520 nach Kosiče vor der Abfahrt im Wiener Hauptbahnhof. (Foto: Daniel Kortschak)

Von Daniel Kortschak

Ein ziemlich kurioser Zug fährt noch einige Tage lang von Wien nach Kosiče im Osten der Slowakei. Mit Fahrplanwechsel wird er auf eine neue Route umgelegt. Da war es Zeit für eine kleine Erkundungstour in eine bisher unbekannte Gegend.

„Regionalexpress nach Košice über Bratislava hlavná stanica ist auf Bahnsteig fünf bereitgestellt“. Diese Ansage ist jeden Tag einmal am Wiener Hauptbahnhof zu hören. Der zugehörige Zug ist eine der kuriosesten internationalen Fernverbindungen, die derzeit in Mitteleuropa unterwegs sind: Der REX 2520/IC 513 von Wien über Bratislava in die ostslowakische Industriestadt Košice. Die slowakische Intercity-Garnitur fährt von Wien über die Marchegger Ostbahn nach Bratislava. Also über jene Hauptstrecke, die auch fast 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und fast 15 Jahre nach der EU-Osterweiterung noch immer auf ihren Ausbau und ihre Modernisierung wartet. So kommen die Fahrgäste in den zweifelhaften Genuss, für die erste Stunde der langen Reise mit einer Diesellok durch das Marchfeld zu knattern. Ein alles andere als alltägliches Erlebnis in einem internationalen Schnellzug. Einigermaßen außergewöhnlich für einen Regionalexpress ist auch die Zugbildung mit einem Erste-Klasse-Waggon, einem Halbgepäckwagen und einem Speisewagen. Mit dem Fahrplanwechsel Anfang Dezember ist dieses Kuriosum aber Geschichte: Der Zug wird dann durchgehend als Intercity über die elektrifizierte Strecke via Bratislava-Petržalka verkehren. Höchste Zeit also, eine Abschiedsfahrt mit diesem kuriosen Zug zu unternehmen.

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Bald ist diese Anzeige Geschichte: Der REX von Wien nach Košice wird Anfang Dezember zum Intercity. (Foto: Daniel Kortschak)

Samstag Nachittag, 14 Uhr am Wiener Hauptbahnhof: Die stattliche Garnitur aus fünf slowakischen Fernverkehrswagen steht am Bahnsteig bereit. Vorne dran eine ÖBB-Diesellok der Reihe 2016, die von einer deutlich riechbaren Wolke aus Abgasen und dezentem Ölgeruch umgeben ist. Deutlich angenehmer ist da der Geruch von frischem Essen, der aus dem Speisewagen dringt. Ich nehme in der ersten Klasse Platz. Es ist ein komfortabler slowakischer Großraumwagen der Reihe Ampeer mit bequemen, breiten Sitzen und Tischen in jeder Sitzgruppe. Leider sind die Reservierungen nicht ausgesteckt und mein gebuchter Fensterplatz ist belegt. Na gut, es ist genug Platz im Wagen und die Reservierungspflicht gilt erst ab Bratislava, wo der Zug zum Intercity wird. Ich beschließe also, das junge Paar nicht von seinen Sitzen zu vertreiben und mich dann später umzusetzen.

„Bahnsteig fünf, Regionalexpress nach Košice über Bratislava hlavná stanica fährt ab“, verkündet Chris Lohner auf dem Bahnsteig und pünktlich um 14.15 Uhr geht‘s los. Gleich anschließend begrüßt die slowakische Eisenbahngesellschaft ZSSK per automatischer Ansage die Fahrgäste und wünscht eine gute Reise. Auch die Haltestellen werden mehrfach angekündigt, allerdings nur auf Deutsch. Erst nach dem Grenzbahnhof Marchegg wechselt die Ansage auf den zweisprachigen deutsch-slowakischen Modus. Als erstes kommt eine Willkommensdurchsage: „Wir begrüßen Sie in der Slowakei. Železničná spoločnosť Slovensko wünscht ihnen eine angehme Reise.“ Auf den digitalen Laufschriften im Wagen wird die nächste Haltestelle ebenfalls angezeigt, inklusive der Ankunftszeit und der verbleibenden Entfernung zum nächsten Halt. Dazu noch der Reiseverlauf, die Zugnummer und das Fahrziel. Und als besonderen Service erfahren die Fahrgäste auch die Außentemperatur und die aktuelle Geschwindigkeit. Da wird einmal mehr deutlich, in welch beklagenswertem Zustand diese internationale Hauptstrecke ist: Selbst auf den schnurgeraden Abschnitten im flachen Marchfeld knackt der Zug kaum die 100-km/h-Marke. Die Diesellok dürfte so ihre liebe Not haben mit der schweren Schnellzug-Garnitur, die an diesem Tag noch zusätzlich um einen abgesperrt am Zugschluss mitlaufenden Halbgepäckwagen verlängert ist.

Und die Lok hat nicht nur Probleme, den Zug auf die Höchstgeschwindigkeit zu beschleunigen. Sie kann offenbar auch nicht genug Strom für die klimatisierten Waggons und den Speisewagen bereitstellen: Im am Zugschluss laufenden Erste-Klasse-Wagen ist es jedenfalls düster, nur kleine Notleuchten brennen. Auch die Steckdosen geben keinen Saft ab. Sehr zum Ärger der jungen Frau neben mir, die verzweifelt versucht, ihr Handy aufzuladen. Und die Klimaanlage bleibt ebenfalls stumm, es wird langsam aber sicher immer kälter. Wie gut, dass sich der Wagen auf der vorherigen Fahrt aus Ungarn kommend gut aufgeheizt hat. Das nährt auch die Hoffnung, dass die Stromversorgung nach dem Ankuppeln der elektrischen Lokomotive in Bratislava wieder zum Leben erwachen wird. Bis dorthin bleibt es dunkel: Der ÖBB-Schaffner, der es kurz vor dem Grenzbahnhof Marchegg dann auch einmal in die erste Klasse geschafft hat, wirft zwar einen kurzen Blick in den Schaltkasten und drückt ein paar Tasten. Als der Erfolg ausbleibt, wirft er die Tür des Elektroschranks mit gleichgültigem Gesichtsausdruck zu und macht sich an die Fahrkartenkontrolle.

Mit mehr Engagement widmet sich erst das slowakische Zugpersonal dem Problem: In Bratislava macht sich zunächst der Schaffner, dann die Zugchefin und schließlich ein Wagenmeister im Schaltschrank zu schaffen. Nach einigem Herumdrücken und dem Aus- und Einlegen von verschiedenen Sicherungsautomaten geht immerhin die Wagenbeleuchtung an und auch die Steckdosen haben kurzfristig Strom. Aber ganz lösen lässt sich das Problem nicht. Da hilft auch nicht, dass der Wagenmeister mehrfach mit dem Lokführer funkt, verschiedene Schaltvorgänge vornehmen lässt und sich von ihm Tipps zur Störungsbeseitigung geben lässt. Als sich schließlich der über 20-minütige planmäßige Aufenthalt in Bratislava hlavná stanica seinem Ende zuneigt und die Abfahrtszeit näher rückt, greift die Zugchefin zum Diensthandy. Sie fragt im Waggondepot nach, ob ein Elektriker verfügbar ist. Doch auch der kann am Telefon nicht weiterhelfen, und ihn herkommen zu lassen würde zu lange dauern. Anschließend berät die Zugchefin mit dem Zugdispatcher am Telefon das weitere Vorgehen. Er schlägt vor, den Wagen zu räumen und die rund 15 Fahrgäste in die zweite Klasse umzuquartieren. „Eine Schande, ausgerechnet die 1. Klasse“, seufzt die Zugchefin und legt mit einem resignierten „Na gut.m dann machen wir das so. Wiederhören!“ auf. Der Wagenmeister steuert einen nicht druckreifen Kraftausdruck bei und steigt fluchend aus. Dann setzt sich der inzwischen zum Intercity mutierte Zug in Richtung Košice in Bewegung. Eine Minute nach der planmäßigen Abfahrtszeit.

Umzug in die zweite Klasse

Kurz nach der Abfahrt kommt die Zugchefin mit einem kleinen Wägelchen. Sie verteilt Zeitungen und Mineralwasser. Beides ist im slowakischen Intercity im Fahrpreis enthalten. Und sie informiert die Fahrgäste über das technische Problem: Es werde mit der Zeit immer kälter werden und sie wisse auch nicht, wie lange die Batterien und damit die Beleuchtung noch durchhalten. „Die Elektrik ist tot. Der Wagen kommt aus Ungarn. Ich weiß nicht, was die dort mit unserem Waggon aufgeführt haben. Gehen Sie bitte in die zweite Klasse, Platz ist zum Glück genug. Dort haben Sie es auf jeden Fall gemütlicher als in diesem Waggon.“ Sie habe mit dem Zugdispatcher vereinbart, dass wir den Aufpreis für die erste Klasse zurückbekommen: „Wenden Sie sich einfach nach Ihrer Ankunft an eine Personenkassa oder an unser Kundenservice-Center. Die wissen Bescheid. Es tut mir sehr leid, dass wir Ihnen heute nicht den gewohnten Service bieten können.“ Wow! Was für ein Einsatz für die Fahrgäste und was für ein kundenfreundlicher Zugang. Da kann sich so manches Bahnunternehmen im „Westen“ eine dicke Scheibe abschneiden.

Also mache ich mich gemeinsam mit den übrigen Fahrgästen auf in die zweite Klasse. Ich durchquere den Speisewagen, in dem fleißig gekocht wird und die Gerüche aus der Küche gleich meinen Appetit anregen. Man könnte ja auch gleich … Nein, lieber zuerst einen neuen Platz finden, die Fahrt ist ja noch lang. Schon im zweiten Wagen werde ich fündig: In dem modernen Großraumwaggon ist ein Fensterplatz frei. Zwar gegen die Fahrtrichtung, aber gut. Leider kann ich dort nicht lange bleiben: Nach dem Halt in Trnava kommt eine junge Frau und beansprucht mit einigem Nachdruck und ziemlich vorwurfsvollem Blick den Sitz. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich ja eh eine Platzkarte habe, allerdings für einen Wagen, der nicht funktioniert. Und dass ich natürlich gerne und sofort Platz mache. Der Blick der jungen Frau bleibt stechend. Nun gut. Ich gebe den Fensterplatz frei und setze mich auf den Gangsitz nebenan. Während ich trotzdem versuche, einige Blicke auf die im Abendrot vorbeiziehende Landschaft zu erhaschen, senkt meine Sitznachbarin den Blick auf ihr Smartphone. Und wird ihn für die nächsten Stunden auch nicht mehr heben.

Auf in den Speisewagen

Das Problem mit der Aussicht hat sich aber ohnehin bald erledigt: Die Dunkelheit bricht herein und von der mir bisher unbekannten Landschaft nordöstlich von Bratislava ist außer vereinzelt auftauchenden Lichtern und vorbeihuschenden Bahnwärterhäuschen nichts mehr zu sehen. Höchste Zeit, um den Speisewagen aufzusuchen. Ich nehme an einem der mit weißem Tischtuch, gelber Deckserviette, Gläsern und Tellern schön gedeckten Tische Platz. Als ich das kleine Tischlämpchen einschalte, ist das Gefühl, in einem Luxus-Express aus längst vergangenen Zeiten zu sitzen, perfekt. Und auch das Essen, das mir nach kurzer Wartezeit serviert wird, steht dem um nichts nach: Das Schweinefilet ist zart und frisch angebraten, die Bratkartoffeln dazu schmecken ebenfalls. Es geht eben nichts über frisch zubereitete Speisen, die in den allermeisten Speisewagen längst durch Fertiggerichte ersetzt worden sind. Auch die Kugeln aus Kartoffelteig mit Powidl-Fülle, garniert mit einem „knusprigen Durcheinander“, wie es wörtlich in der Speisekarte geschrieben steht, schmecken vorzüglich. Und sind so ausgiebig, dass sie locker auch als Hauptgang durchgehen würden.

Wie gut, dass der Koch sich durch eine weitere technische Panne nicht aus der Ruhe bringen ließ: Als das Fleisch in der Pfanne brutzelte, ist plötzlich das Gas ausgegangen. „Verdammt! Die Flasche ist leer“, war aus der Speisewagenküche zu holen. Doch der eiligst ausgeschickte Nachwuchs-Kellner hat das Problem schnell behoben und auf eine neue Gasflasche umgesteckt. Gut zu wissen, dass in den slowakischen Bordrestaurants noch mit Gas gekocht wird. Somit sind sie von diversen Problemen mit der Stromversorgung nicht zu betroffen, wie sie in Speisewagen etwa in Deutschland oder Österreich immer wieder einmal auftreten. Ob die Gasflaschen an Bord auch ein Gewinn für die Sicherheit sind, darf allerdings stark bezweifelt werden.

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Schön gedeckt sind die Tische im Speisewagen von Wagon Slovakia Košice. (Foto: Daniel Kortschak)

Einziges kleines Manko: Das Bier, ein einheimische Zlatý Bažant in der 1973er-Retro-Edition in einer altmodischen grünen Euro-Bierflasche mit entsprechendem Etikett, ist bestenfalls mäßig gut gekühlt. Das mag wohl am reißenden Absatz liegen, Personal und Kühlschrank kommen ganz offenbar mit dem Einkühlen kaum nach: Der Speisewagen ist gut besetzt, auch im Barbereich nebenan sitzen zahlreiche Gäste. Zudem fährt noch die Minibar durch den Zug. Die Slowaken scheinen ihre Zuggastronomie also sehr zu schätzen. Das mag auch an den selbst für slowakische Verhältnisse recht moderaten Preisen, zumindest für die einfacheren Speisen, liegen. Wie ich am Nebentisch beobachten kann, ist auch die Bezahlung mit allen gängigen Bankomat- und Kreditkarten eine Selbstverständlichkeit und klappt selbst im gebirgigen Streckenabschnitt irgendwo zwischen Žilina und Poprad-Tatry problemlos. Ganz im Gegensatz etwa zur Deutschen Bahn, die bis heute keine Debit- und Prepaid-Karten annimmt. Und auch in Österreich ist die Kartenzahlung im Speisewagen reine Glückssache, wie ich erst vor wenigen Tagen wieder in einem Intercity auf der Tauernstrecke feststellen konnte.

 

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Nach dem schmackhaften und mehr als sättigenden Abendessen im Speisewagen raste ich noch ein bisschen auf meinem Sitzplatz. Bald darauf erreichen wir auch schon pünktlich Poprad-Tatry – das Ziel meiner Reise. Der monumentale, zweistöckige Bahnhof atmet den Charme der Siebzigerjahre. Er präsentiert sich aber frisch renoviert, hell erleuchtet und sehr sauber. Kurz überlege ich, ob ich jetzt zur Personenkassa gehen und mir das Geld für die misslungene Fahrt in der ersten Klasse zurückholen soll. Ich beschließe aber, lieber gleich ins Hotel zu gehen. Nach der langen Reise möchte ich jetzt erst einmal mein Gepäck abstellen und mich frischmachen. Die Farhpreiserstattung kann ich auch später mit dem Kundenservice klären. Mit einem Online-Ticket, das ich mit Kreditkarte bezahlt habe, ist das vermutlich ohnehin der einfachere weg.

Auch das Tatra-Hotel ist ein mächtiger Betonklotz aus den Siebzigerjahren, die Ausstattung der Lobby atmet noch den Geist der vergangenen Jahrzehnte. Aber auch hier ist alles sehr sauber und gepflegt. An der Rezeption werde ich schon erwartet. Ich bin ganz offensichtlich schon kurz vor 20 Uhr der letzte Gast, der noch anreist.

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Wenig los ist am Samstagabend in der Fußgängerzone in Poprad. (Bild: Daniel Kortschak)

Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe und einer kurzen Ruhepause mache ich mich noch auf zu einem kleinen Spaziergang durch das nahe gelegene Stadtzentrum. Der gebogene Stadtplatz besteht aus zwei parallel verlaufenden, zur Fußgängerzone umgestalteten Einkaufsstraßen. In der Mitte finden sich neben einer Kirche auch ein paar Häuser und eine Grünanlage. Historische, ein- bis zweistöckige Häuser wechseln sich mit Bausünden aus unterschiedlichen Epochen ab. Der Bewahrung der historischen Bausubstanz hat man in Poprad ganz offensichtlich lange Zeit keine große Bedeutung zugemessen. Eingerahmt wird dieses seltsame Altstadt-Ensemble von  monumentalen Plattenbauten, die neben verschiedenen Ämtern auch Hotels beherbergen. Die meisten von ihnen haben schon bessere Zeiten erlebt: In einem Hotel hat sich im Erdgeschoss ein großer Spielsalon ausgebreitet. Aus dem vorletzten Stockwerk leuchten in grellem Rot die Buchstaben EROS, ergänzt um ein Herz. Wer sich hier einquartiert hat offenbar ganz spezielle Ansprüche.

Immerhin, einige ganz gemütliche Lokale lassen sich in der am Samstagabend nicht besonders bevölkerten Altstadt von Poprad ausmachen. Weil ich aber meinen Hunger und Durst schon mehr als ausreichend im Speisewagen gestillt habe, trete ich den Rückweg an. Schließlich will ich am Sonntag auch früh aufstehen, um die Hohe Tatra zu erkunden. Mehr dazu dann demnächst im zweiten Teil dieses Reiseberichts.

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