Stadtbusfahrt Rijeka – Opatija – Lovran: mit Vollgas über die Küstenstraße

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Abfahrtshaltestelle der Buslinie 32 Rijeka – Opatija – Lovran. (Foto: Daniel Kortschak)

Nach meinem Fahrradurlaub auf den Inseln in der Kvarner Bucht verbringe ich noch einen Tag in Rijeka und mache einen Ausflug Richtung Opatija. Die Busfahrt ist nichts für schwache Nerven.

Von Daniel Kortschak

Nach der problemlosen Anreise und einem schönen Urlaub geht es etwas mehr als eine Woche später wieder zurück von Rijeka nach Linz. Die Fahrt war wieder mit der Bahn geplant. Weil keine günstige durchgehende Fahrkarte zu bekommen war, gehe ich am Vortag zum Bahnhof Rijeka. Der nagelneue Fahrkartenautomat, der in einer Ecke der völlig desolaten Kassenhalle steht, kann mir nicht weiterhelfen: Er verkauft nur Inlandsfahrkarten. Aber die freundliche Dame hinter dem heruntergekommenen Schalter hat das richtige Ticket für mich: Ein Ljubljana-Spezial für ungerechnet neun Euro. Die im kräftigen Blau der kroatischen Personenverkehrsgesellschaft HŽPP neu eingekleidete Frau spricht auch ein bisschen englisch. So ist der Kauf schnell erledigt: Sie tippt ein wenig auf ihrem modernen Touchscreen-Terminal herum und druckt mir die Fahrkarte aus. Auch die Bezahlung mit Kreditkarte ist kein Problem, selbstverständlich geht es berührungslos in wenigen Sekunden. Im Bahnhof hängen einige Baustelleninfos aus, ich schenke den weißen Zetteln aber keine Beachtung und mache mich wieder auf den kurzen Fußweg Richtung Innenstadt.

Eine böse Überraschung kommt selten alleine

Erst bei der Kaffeepause überprüfe ich den Fahrplan in der ÖBB-App „Scotty“ noch einmal. Und erlebe eine böse Überraschung: Wegen Bauarbeiten ist an meinem Reisetag Schienenersatzverkehr zwischen Ljubljana und dem Grenzbahnhof Jesenice angekündigt. Es ist auch von Verspätungen die Rede. Aber der knappe Anschluss in Villach zum Railjet Richtung Salzburg (und weiter nach München) ist weiterhin angegeben. Ich traue der Sache nicht und gehe auf die Seite der Slowenischen Eisenbahnen. Dort erlebe ich prompt die nächste böse Überraschung: Auch zwischen Rijeka und Ljubljana ist Schienenersatzverkehr eingerichtet. Ein Gegencheck auf der Website der kroatischen Bahn bestätigt das. Ich muss also tatsächlich in Ljubljana von einem Ersatzbus in den anderen umsteigen, in Jesenice dann noch einmal auf den Zug Richtung Österreich. Ein weiterer Umstieg. Viermal umsteigen mit schwerem Gepäck macht keine Freunde. Und ich bin verärgert, dass diese Baumaßnahmen so kurzfristig angekündigt werden. Hätte ich früher davon erfahren, wäre ich einen Tag früher zurückgereist. Jetzt ist es zu spät: Der Mittagszug ist abgefahren, Hostel und Fahrkarte sind gebucht und nicht mehr stornierbar. Ich bin heilfroh, dass ich wenigstens nicht mein eigenes Fahrrad dabeihabe. Denn in den Baustelleninfos steht zu lesen „Keine Fahrradbeförderung in den Ersatzbussen.“

Wilder Ritt über die Küstenstraße

Nach einem Kaffee, einem Eisbecher und einem Spaziergang durch die Altstadt von Rijeka ist der Ärger aber schnell wieder verraucht. Ich beschließe, mich von den schwarzen Gewitterwolken nicht abhalten zu lassen und trotzdem wie geplant noch einen Ausflug in den eleganten Kur- und Badeort Opatija zu machen. Dorthin, wo ich seinerzeit als Jugendlicher mit meinen Eltern Urlaub gemacht habe. Am Busbahnhof, der nur aus einer großen Asphaltfläche, ein paar angerosteten Haltestellenschildern und einem großen Bürocontainer besteht, kaufe ich durch ein winziges Fensterchen bei einer etwas gelangweilten jungen Dame eine Zwei-Fahrten-Karte für vier Zonen. Für umgerechnet etwas mehr als vier Euro ein günstiges Angebot. Mein Bus fährt aber nicht Busbahnhof, sondern von einer etwa 300 Meter entfernten eigenen Haltestelle ab. Als ich ankomme, steht er schon da, „32 Opatija – Lovran“ steht drauf, der Motor läuft. Es ist ein ganz moderner Iveco-„Urbanway“-Gelenkbus mit Erdgasantrieb. Fahrer ist aber keiner zu sehen. Der kommt erst ein paar Minuten vor der Abfahrt, öffnet den Bus mit einem versteckten Taster und lässt uns einsteigen. Drinnen läuft in voller Lautstärke ein lokaler Radiosender, und es ist kalt wie in einem Kühlschrank. Die Klimaanlage ist ein großer Komfortgewinn gegenüber den uralten MAN-Bussen aus jugoslawischer bzw. slowenischer Lizenzfertigung, die jahrzehntelang auf dieser Strecke unterwegs waren und deren nur etwas jüngere Nachfolger noch immer in großer Zahl über die holprigen Straßen von Rijeka und Umgebung rattern.

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Kaum einen Unterschied zu früher gibt es auch beim Fahrstil: Auch mit dem neuen Bus kennt der braun gebrannte Lenker nur ein Motto: Immer Vollgas. Nur bei der Beschleunigung tut sich der schwere Gasbus mit seinem Automatikgetriebe im Vergleich zu den alten, handgeschalteten Jugo-MAN deutlich schwerer. Trotzdem ist die Fahrt über stellenweise kurvige und schmale Küstenstraße auch im modernen Iveco ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Bald erreichen wir Opatija, im dortigen Busbahnhof haben wir kurz Aufenthalt, weil wir vor der planmäßigen Abfahrtszeit angekommen sind. Bei dem Fahrstil kein Wunder. Zeit, um einem Mechaniker dabei zuzusehen, er versucht, den nebenan mit offener Kühlerklappe abgestellten älteren Mercedes-„Conecto“-Gelenkbus wieder flottzukriegen. Die größere Lacke einer nicht näher definierbaren Betriebsflüssigkeit, die sich unter dem Bus ausbreitet und den derben Flüchen des Handwerkers nach zu schließen, dürfte es sich um einen größeren Defekt handeln. Wir fahren davon unbeeindruckt weiter, im Höllentempo ist bald darauf Lovran erreicht. Dort steige ich aus und gönne mir im örtlichen Gasthaus ein paar Grillspezialitäten. Nach einer anschließenden längeren Wanderung über die herrliche Franz-Josef-Promenande entlang der Adriaküste und einem letzten Bier im malerischen Fischerdorf Volosko geht es zurück nach Rijeka. Über eine steile Stiege und zwischen alten Steinhäusern hindurch erreiche ich die Bushaltestelle. Die ist seit meinem letzten Besuch vor ein paar Jahren deutlich modernisiert worden: Dort, wo der Bus früher einfach mitten auf der Straße stehenblieb und man sich an der steinernen Begrenzungsmauer vorbei aus dem Fahrzeug zwängen musste, gibt es jetzt einen gläsernen Unterstand. Einen Fahrplanaushang sucht man in der dafür vorgesehenen Vitrine allerdings vergeblich. Und statt des Haltestellenschildes ragt nur eine schiefe Metallstange in den Himmel. Die Haltestellentafel dürfte wohl irgendwann abgerostet sein.

Ich bin trotzdem zuversichtlich, dass hier in ein paar Minuten ein Bus nach Rijeka stehenbleiben wird und genieße inzwischen die milde Abendluft und den Ausblick auf den hübschen Ort und das Meer. Tatsächlich kommt wenig später ein älterer Mercedes-Citaro-Niederflurbus angerauscht. Als ich heftig winke, setzt er den Blinker und bleibt in der Busbucht stehen. Der Fahrer erwieder meinen Gruß mit einem freundlichen „Večer!“ („Abend!“), ich stecke meine Fahrkarte in den altmodischen Entwerter und es geht los. Natürlich wieder in atemberaubendem Tempo: „Immer Vollgas“ ist Hausbrauch bei „Autotolej“, dem kommunalen Verkehrsbetrieb der Region Rijeka. Der Bus ist fast voll besetzt: Viele junge Leute auf dem Weg zur Abendunterhaltung in Rijeka, ein paar Angestellte der vielen Tourismusbetriebe in und um Opatija auf dem Heimweg von der Schicht und ein paar seltsame Gestalten, die den Tag offenbar mit sehr ausführlichem Alkoholkonsum verbracht haben. Aber alle haben gute Laune, es herrscht ausgelassene Stimmung im Bus. Auch der Lenker hat sichtlich Spaß an seinem Ritt über die kurvige und mit Schlaglöchern gespickte Küstenstraßen. Der Bus quittiert das mit lautem Rumpeln und Scheppern und aus dem Heck kommt irgendwann der etwas beißende Geruch von Plastikteilen und Betriebsflüssigkeiten, die etwas sehr heiß geworden sind. Wir kommen aber wohlbehalten in Rijeka an. Das ist nicht immer der Fall: Erst kürzlich ist wieder ein städtischer Linienbus mitten in Rijeka in Flammen aufgegangen. Passiert ist außer Sachschaden zum Glück nichts.

Wo bleibt der Ersatzbus?

Am nächsten Morgen drehe ich in Rijeka noch eine Runde über den schönen Markt, statte der wunderschönen Fischhalle einen Besuch ab und wundere mich über den immer weiter fortschreitenden Ver-, ja den buchstäblichen Zerfall der beiden wunderschönen historischen Markthallen. Nachdem ich etwas Proviant für die lange Reise besorgt und mich noch mit einem starken Cappuccino und einer ebenso typischen wie picksüßen kremšnita gestärkt habe, geht’s zurück zum Hostel und dann zum Bahnhof. In der schäbigen Kassenhalle angekommen, steht auf dem Abfahrtsanzeiger neben allen Zügen statt des Bahnsteigs „Bus“. Also ist auch die Strecke Richtung Zagreb offenbar gesperrt. Das erklärt, warum die Eisenbahner am Schrankenposten, den ich kurz zuvor passiert habe, entspannt in der Weinlaube neben der Postenhütte Kaffee getrunken und Karten gespielt haben. Ich studiere die verschiedenen Info-Aushänge neben den Fahrplänen. „Die Ersatzbusse halten jeweils auf den Bahnhofsvorplätzen“, steht dort zu lesen. Nur auf Kroatisch, versteht sich. Aber so weit reichen meine Sprachkenntnisse zum Glück. Zunächst suche ich die Bahnhofstoilette auf. Man weiß ja nie, was einen auf langen Busfahrten so erwartet. Obwohl gerade die Putzfrau aus der Herrentoilette kommt, ist der Besuch der Bedürfnisanstalt ein im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubendes Erlebnis. Doch dieser WC-Gang sollte sich noch als sehr vorausschauend erweisen.

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Anschließend packe ich meinen Rucksack in die Transporthülle und schleppe ihn auf den Bahnhofsvorplatz. Die Abfahrtszeit rückt immer näher, aber es kommt kein Bus, der nach Schienenersatzverkehr aussieht. Denn dass einer der klapprigen Stadtbusse den weiten Weg nach Ljubljana fahren würde, schließe ich aus. Er würde mit Sicherheit spätestens nach der halben Strecke auseinander fallen. Etwa zehn Minuten vor der planmäßigen Abfahrtszeit schleppe ich mein Gepäck wieder in die düstere Schalterhalle und frage nach dem Verbleib des Busses. Auch das geht irgendwie auf Kroatisch. Der Bus sei schon da, stehe da drüben neben der Fahrdienstleitung. Und tatsächlich, gut versteckt im Schatten des Bahnhofsgebäudes steht in einer Zufahrt zum Hausbahnsteig ein moderner Reisebus, beschriftet mit „Slowenische Eisenbahnen“ und „Schienenersatzverkehr Rijeka – Ljubljana“.

Rund um den Bus herrscht hektisches Treiben: Der Buslenker hilft gerade vier Radfahrern, die wie viele andere Reisende auch vom kurzfristig angekündigten Schienenersatzverkehr überrascht wurden, beim Verstauen ihrer Räder. Doch die großen Tourenräder sind zu groß für den Kofferraum und müssen teilweise zerlegt werden. Einer der zahlreichen kroatischen Eisenbahner, die das Treiben in Ermangelung anderer Aufgaben – es fahren ja gerade keine Züge – interessiert beobachten, eilt mir Werkzeug herbei. Damit ist die Aufgabe schnell gelöst. Zur Sicherheit wacht auch der schon ziemlich ergraute und weitgehend zahnlose Bahnhofspolizist über das Geschehen. Während der Busfahrer mit einem ordentlich angetrunkenen Fahrgast diskutiert und ihn eindringlich ermahnt, im Bus weder zu trinken noch sich zu übergeben, dreht der Fahrdienstleiter noch eine Runde über den Bahnsteig, den Vorplatz und durch die Kassenhalle, um sicherzugehen, dass auch wirklich alle Reisenden den Ersatzbus gefunden haben. Dann geht es fast pünktlich los. Es sollte der Beginn eines langen Reiseabenteuers werden. Mehr dazu im dritten Teil des Reiseberichts.

Mit der Bahn von Linz nach Rijeka: pünktlich und problemlos

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Der D/EC 211 „Sava“ kurz vor der Abfahrt in Villach Hauptbahnhof. (Foto: Daniel Kortschak)

Zu meinem Fahrradurlaub in der Kvarner Bucht fahre ich von Linz nach Rijeka mit der Bahn. Dazu muss ich zwar dreimal umsteigen und sitze über neun Stunden im Zug. Aber die Fahrt verläuft problemlos und fast pünktlich.

Von Daniel Kortschak

Ein Fahrradurlaub hat mich kürzlich nach Kroatien geführt. Ein kurzer Blick in die Fahrplanauskunft hat eine gute Bahnverbindung von Linz nach Rijeka und wieder zurück gezeigt. Zwar mit dreimaligem Umsteigen, aber ohne längere Wartezeiten. Deshalb habe ich mich für die Reise mit dem Zug entschieden. Sogar mein eigenes Fahrrad hätte ich mitnehmen können. Letztlich habe ich dieses Angebot aber nicht genutzt und mir vom Reiseveranstalter ein Fahrrad ausgeborgt. Eine weise Entscheidung, wie sich im weiteren Verlauf der Reise noch zeigen sollte.

Schwierige Suche nach günstigen Fahrkarten

Nicht so einfach war der Kauf der Fahrkarten: Die ÖBB boten günstige Sparschiene-Tickets nur für die Nachtzugverbindung an. Die schied aber aus mehreren Gründen aus: Der Schlafwagen fährt nur in der Hauptsaison von Juni bis September, ein Liegewagen wird nicht angeboten. Und auf eine Nacht im Sitzwagen hatte ich aus Komfort- und Sicherheitsgründen keine Lust. Zudem muss man jeweils mitten in der Nacht in Salzburg umsteigen – der Euronight-Zug fährt die Strecke Zagreb/Rijeka – München. Ein Vollpreis-Ticket Linz – Rijeka hätte mit 63 Euro pro Richtung zu Buche geschlagen, trotz Vorteilscard. Da zeigen sich die Auswirkungen der kürzlich von 25 auf 15 Prozent reduzierten Railplus-Ermäßigung im Ausland leider sehr deutlich.

Ein wenig Recherche im Netz hat dann eine günstigere Alternative ergeben: Die slowenische und die kroatische Bahn bieten ein „Rijeka-“ bzw. „Ljubljana – Spezial“ an: für sensationell günstige 9 Euro und ohne Vorkaufsfrist. Allerdings ist das Spezial nicht online erhältlich. Aber die rund 40 Minuten Übergangszeit in Ljubljana würden wohl reichen, um den günstigen Fahrschein dort im Reisezentrum zu kaufen. Allerdings bringt man sich bei der Teilung des Fahrscheins um die Fahrgastrechte: Das heißt, geht der Anschluss in Ljubljana verloren, hat man weder Anspruch auf Entschädigung noch auf eine alternative Weiterbeförderung bzw. Hotelübernachtung. Schließlich habe ich mich für einen kleinen Trick entschieden und ein Europa-Spezial der Deutschen Bahn nach Rijeka gekauft. Für sehr günstige 29,85 Euro mit Bahncard-25-Ermäßigung. Die Details dazu bleiben aber mein Geheimnis, die gewählte Konstruktion erfordert nämlich eine sehr kreative Interpretation der Tarifbestimmungen.

Über Salzburg und Villach nach Ljubljana

Los ging‘s schließlich um 8.30 Uhr mit der „Westbahn“ von Linz nach Salzburg. Mit dem ÖBB-Railjet hätte ich noch eine Viertelstunde später abfahren können. Die Fahrt mit der „Westbahn“ ist allerdings ein wenig günstiger, seitdem man dort mit einer beliebigen europäischen Bahnermäßigungskarte 10 Prozent Rabatt auf den Normalpreis bekommt. Außerdem verlängert sich durch diese Variante die Kaffeepause in Salzburg ein wenig. In Salzburg angekommen mache ich es mir in der ÖBB-Lounge gemütlich: Mit der internationalen DB-Fahrkarte und der Bahncard mit Comfort-Status kein Problem.

Kurz nach 10 Uhr geht es dann mit dem Railjet 111 „Hohe Tauern“ weiter nach Villach. Der Zug kommt pünktlich aus München und ist zum Glück nicht sehr voll. Die Fahrt über die Tauernbahn verläuft unspektakulär und wir erreichen pünktlich Villach. Auf dem Gleis gegenüber wartet schon der Schnellzug 210 „Sava“, der über Ljubljana und Zagreb nach Vinkovci an der serbischen Grenze fährt. Er besteht hauptsächlich aus mehrere Jahrzehnte alten Wagen der Slowenischen Eisenbahnen. Nur ganz an der Spitze, direkt hinter der slowenischen Mehrsystemlok der Reihe 541, hängt ein modernisierter Beelt-Abteilwagen der kroatischen Bahn. Er ist als einziger klimatisiert und sehr gepflegt. Und fast leer, denn die meisten Reisenden sind weiter hinter eingestiegen. Einzig an das in schrillem Grün gehaltene Interieur muss man sich ein wenig gewöhnen.

Die Fahrt über die Karawankenbahn, durch den langen Tunnel und weiter nach Ljubljana verläuft problemlos und wegen des schlechten Ausbau- und Erhaltungszustandes der Strecke sehr gemächlich. Deutlich zu bemerken ist die österreichisch-slowenische Staatsgrenze mitten im Karawankentunnel: Der Zug bremst, dann rumpelt und wackelt es. Die schon vor einigen Jahren von Österreich und Slowenien vereinbarten gemeinsamen Modernisierungsmaßnahmen im Tunnel sind offenbar bis jetzt nicht vom Fleck gekommen.

Ljubljana erreichen wir mitten in einem Gewitter. Es schüttet wie aus Kübeln. Ich sehe mich etwas auf den Bahnsteigen um, die noch den Charme der längst untergegangenen Jugoslawischen Staatsbahnen verströmen. Auch die meisten Waggons und Triebwagen der Slowenischen Eisenbahnen (SŽ ) sind noch in der Tito-Zeit beschafft worden. Etwa die Triebwagen der Baureihe 311/315, Spitzname „Gomulka“, die auch nach fünfeinhalb Jahrzehnten noch unverzichtbar im Vorortverkehr rund um Ljubljana sind. Wie fast alle anderen Fahrzeuge der SŽ sind auch diese einfachen und robusten Triebwagen aus polnischer Produktion von oben bis unten mit Graffiti bemalt. Ebenso unermüdlich im Einsatz sind die bald 50 Jahre alten Dieseltriebwagen der Reihe 711, die seinerzeit als „Grüner Zug“ die Flaggschiffe der Jugoslawischen Staatsbahnen waren und bis in die 1990er-Jahre auch regelmäßig im internationalen Schnellverkehr von Zagreb und Ljubljana nach Graz unterwegs waren. Heute fahren sie unter anderem auf den kürzlich wieder eingeführten internationalen Verbindungen zwischen dem italienischen Grenzbahnhof Villa Opicina oberhalb von Triest und Ljubljana.

Für mich heißt es nach einem kurzen Getränkeeinkauf aber nach einer guten halben Stunde schon wieder Abschied nehmen von der slowenischen Hauptstadt und ihrem Bahnhof. Weiter geht es mit dem internationalen Schnellzug MV/B 483 „Ljubljana“. Auch die drei slowenischen Wagen dieses Zuges stammen aus Beständen der früheren Jugoslawischen Eisenbahnen und sind ebenfalls vollkommen mit Graffiti und diversen Tags verziert. Innen sind sie aber erstaunlich gepflegt: Die Sitze neu aufgepolstert und bezogen, dazu saubere Vorhänge. Und auf den Toiletten gibt es Wasser, Seife und Handtücher. Das ist selbst in deutlich moderneren Fahrzeugen der ÖBB oder der Deutschen Bahn nicht immer eine Selbstverständlichkeit. Olfaktorisch sind die offenen Fallrohr-Toiletten – besser bekannt als „Plumpsklo“- der slowenischen Abteilwagen allerdings eine ziemliche Zumutung. Zu wünschen übrig lassen auch die Laufeigenschaften der alten Wagen aus serbischer Produktion: Sie rumpeln und poltern so über die streckenweise arg abgefahrenen Schienen, dass einem Angst und Bange wird.

Gleich nach der Abfahrt kommt die slowenische Schaffnerin. Mein deutsches Handyticket scannt sie problemlos mit ihrem Smartphone ein, dann fragt sie mich, ob ich eh bis Rijeka durchfahre. Ich bejahe. „Ok, thank you, have a nice trip.“ In recht rasanter Fahrt und mit einigen wenigen Zwischenstopps erreicht der „Ljubljana“ bald den slowenischen Grenzbahnhof Ilirska Bistrica. Dort steigen zwei extra mit dem Auto angereiste slowenische Grenzpolizisten ein und beginnen mit der Kontrolle der wenigen verbliebenen Fahrgäste, die nicht in Postojna oder Ilirska Bistrica ausgestiegen sind. Jeder Ausweis wird mit dem kleinen Handcomputer gescannt, den die Polizisten am Handgelenk tragen. Der Lokführer nutzt die Gelegenheit, und holt sich in der Fahrdienstleitung einen Kaffee. Die Polizisten, die ihre Kontrolle bald beendet haben, tun es ihm gleich. Danach wird bis zur planmäßigen Abfahrtszeit mit einem älteren Einheimischen auf dem Bahnsteig geplaudert. Der Eisenbahnbetrieb hier mitten im slowenischen Karst läuft noch sehr beschaulich ab.

Lokwechsel mitten im Karst

Durchaus rasant geht es dann weiter, ein paar Kilometer später bremst der Zug vor einem längeren Tunnel dann ab. Kurz darauf tauchen am Streckenrand die Schilder „Republika Hrvatska“ und „EU“ auf: Willkommen in Kroatien. Nachdem wir in gemächlichem Tempo das schon historische, aber immer noch im täglichen Einsatz stehende Einfahr-Formsignal altösterreichischer Bauart passiert haben, rollen wir im kroatischen Grenzbahnhof Šapjane aus. Auf dem Gleis links wartet bereits die Lokomotive der kroatischen Personenverkehrsgesellschaft HŽPP: Anders als in Slowenien, das das seinerzeit von Italien übernommene Gleichstrom-System bis heute fortführt, fahren die Züge in Kroatien inzwischen mit Wechselstrom. Die Strecke von der slowenischen Grenze über Rijeka nach Zagreb wurde erst vor ein paar Jahren umgestellt. Deshalb ist jetzt für die letzten Kilometer nach Rijeka eine neue Lok nötig.

Der Lokwechsel gestaltet sich aufwändig: Die kroatische Maschine setzt sich vor die slowenische Gleichstrom-Lok, die mit Schwung in den Wechselstromabschnitt eingefahren ist, der Verschieber kuppelt an und dann wird die slowenische Lok abgezogen, vor eine Weiche geschleppt und schließlich abgestoßen: Mit Hilfe der Schwerkraft gelangt sie so wieder unter ihre Gleichstromfahrleitung in der anderen Hälfte des Bahnhofs. Jetzt kann die koratische Lok an den Zug ankuppeln. Während dieser Manöver ist ein einzelner kroatischer Grnezpolizist, der mit einem schon etwas ramponierten Škoda-Streifenwagen angefahren gekommen ist, durch den Zug gegangen und hat die Ausweise einer eher oberflächlichen Kontrolle unterzogen. Die slowenische Schaffnerin hat inzwischen ihren Dienst und die Zugpapiere an die kroatische Kollegin übergeben. Auch hier bleibt dann noch Zeit für einen Kaffee und einen kleinen Tratsch beim Fahrdienstleiter.

Nur mehr zwei Züge pro Tag

Schließlich geht es in sehr moderatem Tempo weiter durch die karge Karstlandschaft, vorbei an einigen aufgelassenen Bahnhöfen: Der Regionalverkehr auf dem kroatischen Streckenabschnitt ist längst eingestellt. Es fahren nur mehr die beiden internationalen Zugpaare: B/MV 482 – 483 „Ljubljana“ ist die Tagesverbindung Ljlubljana – Rijeka – Ljubljana, die seit heuer in der Hochsaison von Juni bis September erstmals wieder einen von HŽPP gestellten klimatisierten Kurswagen von und nach Wien mitführen wird. Die Tagesrandzüge B/MV 480 – 481 „Opatija“ führen ganzjährig einen kroatischen Sitzwagen und in der Hochsaison außerdem einen kroatischen Schlafwagen von und nach München mit.

Inzwischen ist die kroatische Schaffnerin in meinem Abteil vorbeigekommen: Mit meinem deutschen Handy-Ticket hat sie keine rechte Freude. Zum Einscannen hat sie nichts dabei und bei dem unübersichtlichen Buchstaben-Zahlen-Salat der Wegevorschrift blickt sie nicht wirklich durch. Ich hätte nur eine Fahrkarte bis zum kroatischen Grenzbahnhof Šapjane, meint sie. Aber schließlich ist das Missverständnis schnell aufgeklärt, die Schaffnerin spricht auch gut englisch.

Kurz darauf erreichen wird den einzigen Zwischenhalt für die Schnellzüge. Es ist der wunderschöne Bahnhof Opatija-Matulji: Er liegt hoch über dem Meer, Kletterpflanzen ranken sich über die Steinfassade des stattlichen Bahnhofsgebäudes und auf der gegenüberliegenden Seite führt ein Weg durch eine Rosenlaube in einen kleinen Garten mit herrlichem Blick über die Kvarner Bucht. Einige Reisende verlassen den Zug: Sie werden abgeholt oder fahren mit dem Taxi weiter in den berühmten Luftkurort Opatija direkt am Meer, früher bekannt als Abbazia. Es war die österreischische Südbahngesellschaft, die dem Ort durch den Bau der Bahn und einiger repräsentativer Hotels vor rund 120 Jahren zum Aufschwung verholfen hat.

Die letzten Kilometer Richtung Rijeka rattert der Zug zuerst durch die Karstebene hoch über dem Meer und verliert dann kontinuierlich an Höhe. Buschwerk und Kalkfelsen weichen jetzt Wohnhäusern und allmählich mächtigen Industrieanlagen, die ihrem Aussehen nach schon bessere Zeiten erlebt haben. So gut wie pünktlich erreicht der MV/B 483 schließlich den Bahnhof von Rijeka. Das riesige und einst prunkvolle Bahnhofsgebäude ist inzwischen völlig heruntergekommen. In der düsteren Ankunftshalle sind die Wände beschmiert, statt Lampen hängen nur mehr nackte Leuchtstoffröhren an der Decke. Die Abfahrtshalle zeigt sich im schon arg ramponierten Jugo-Stil der frühen Achtzigerjahre: Die schmutzigen Tapeten hängen in Fetzen von den Wänden. Nur die elektronische Abfahrtstafel, ein nagelneuer Fahrkartenautomat und ein einziger geöffneter Fahrkartenschalter zeugen davon, dass in dieser Ruine tatsächlich noch regelmäßiger Bahnverkehr stattfindet, wenn auch auf höchst bescheidenem Niveau.

Ich habe also nach rund 600 Kilometern, dreimal Umsteigen und neuneinhalb Stunden mein Ziel erreicht. So gut wie pünktlich und absolut problemlos. Ein Ereignis, das sich auf der Rückfahrt neun Tage später nicht wiederholen sollte. Ganz im Gegenteil: Die Fahrt wird zum reinsten Abenteuer. Mehr dazu in Kürze hier auf diesen Seiten.