Feines Dinner in der Straßenbahn: mit der Genuss-Linie durch Zürich

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Die „Genuss Linie“ abfahrtbereit im Extrawagengleis am Bellevue in Zürich. (Foto: Daniel Kortschak)

In Zürich kann man mit einer liebevoll restaurierten historischen Straßenbahn durch die Stadt fahren und dabei fein zu Abend essen. Aber nicht immer klappt das perfekt. Dann kommt sogar die Polizei ins Spiel.

Von Daniel Kortschak

Eine Dienstreise hat mich kürzlich nach Zürich geführt. Highlight des dreitägigen Aufenthalts war für mich die Fahrt mit der ‚Genuss-Linie‘ der Verkehrsbetriebe Zürich: Eine etwa zweistündige Stadtrundfahrt in einem historischen Straßenbahnwagen. Dabei wird in der perfekt restaurierten Straßenbahn ein dreigängiges Menü serviert. Zum prachtvollen Interieur der Bahn kommen noch die blütenweiß gedeckten Tische mit Stoffservietten, edlem Besteck und schönem Porzellan: Luxus pur. Auch das Essen und der Wein dazu waren von guter Qualität.

Logistisch ist das allerdings eine große Herausforderung: Im Wagen selbst ist bis auf eine kleine Bar samt Anrichte und einen winzig kleinen Stauraum im Heck kaum Platz für Geschirr und Essen. Deshalb muss die Hauptspeise während der Fahrt frisch angeliefert werden. Die Straßenbahn bleibt dazu in der Altstadt auf freier Strecke kurz stehen, dann wird das schmutzige Geschirr von der Vorspeise ausgeladen und der aus der Küche Catering-Partners per Rollwagen angelieferte Hauptgang eingeladen.

Bei unserer Fahrt ist es da allerdings zu einem gröberen Missgeschick gekommen: Obwohl der Oberkellner aus der Straßenbahn alles vorher am Telefon abgesprochen hat, war das Essen nicht rechtzeitig da. Und dann kam es, wie es kommen musste: Hinter der wartenden historischen Straßenbahn taucht plötzlich eine reguläre Straßenbahn auf. Erst wartet der Fahrer geduldig, irgendwann greift er genervt zum Funkgerät. Als nächstes führt der Fahrer unserer Genuss-Straßenbahn hektische Funkgespräche: Er muss jetzt der Verkehrsleitzentrale erklären, warum wir den Betrieb aufhalten. Schließlich geht er zu seinem Kollegen nach hinten und bittet um etwas Geduld. Doch das Essen kommt und kommt nicht, die Funksprüche werden immer aufgeregter.

Polizeieinsatz, weil das Essen nicht kommt

Und dann braust plötzlich ein grellorange-weißer VW-Bus links an der stehenden Kolonne aus Autos und Straßenbahnen vorbei, waghalsig halb auf dem Gehsteig: Es ist die Stadtpolizei. Die Beamten erkundigen sich mit strenger Miene bei den beiden Straßenbahnfahrern nach dem Grund für die Verkehrsbehinderung. Dafür, dass wir mitten auf der Straße auf Essen warten, haben sie überhaupt kein Verständnis. Doch noch während unser Fahrer, der Oberkellner, der inzwischen am Rande eines Nervenzusammenbruchs steht, und die beiden Polizisten über das weitere Vorgehen diskutieren, kommt endlich das Küchenpersonal mit der Hauptspeise. Jetzt müssen nur noch fast 30 Teller einzeln vom Wagen genommen und direkt den Gästen in der Bahn serviert werden. Um sie schnell auf einmal einzuladen und dann während der Fahrt zu verteilen, ist in der historischen Straßenbahn schlicht kein Platz. Die Polizisten mahnen zu maximaler Eile, der Fahrer des historischen Extrawagens meldet per Funk an seine Zentrale, dass es jetzt gleich weitergeht. Und der Fahrer der planmäßigen Straßenbahn, die seit gut zehn Minuten hinter uns steht, hat resigniert: Er hat eine Zeitung aufgeschlagen und sich in einen Artikel vertieft.

Dann, endlich, ist der letzte Teller verteilt und wir können weiterfahren. Das Warten hat sich gelohnt: Das Rinderfilet schmeckt vorzüglich und wir genießen die Aussicht auf das abendliche Zürich. Nur an den Straßenbahnhaltestellen, die wir langsam ohne Halt passieren, treffen uns böse Blicke: Es sind müde Pendler, die seit fast einer Viertelstunde auf ihre Straßenbahn warten. Und sie wissen ganz genau, dass es der historische Wagen war, in dem so fein gespeist und ausgiebig Wein getrunken wird, der ihre Straßenbahn verspätet hat.

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Erst nach einiger Zeit weichen die bösen Mienen wieder interessierten Blicken, manch einer der Wartenden winkt uns auch zu oder stößt mit uns mit seiner Bierdose oder wenigstens einem angedeuteten Glas an. Am Kunsthaus vorbei rumpeln wir schließlich steil hinunter zum Bellevue, dem Ausgangspunkt unserer Reise. Diese ungewöhnlich steile Gasse, durch die alle paar Minuten eine Straßenbahn rattert, hat mich schon als Kind bei meinen ersten Besuchen in Zürich fasziniert. Am Bellevue, dem großen Verkehrsknotenpunkt direkt an Zürichsee und Opernhaus, dreht die ‚Genuss-Linie‘ dann eine halbe Ehrenrunde und steuert das Extrawagengleis an, wo wir gut eineinhalb Stunden zuvor eingestiegen sind. Unsere Reise ist hier aber noch nicht zu Ende: 10 Minuten Rauch- und WC-Pause sind jetzt angesagt. Das Personal serviert inzwischen die Tische ab und bereitet Dessert und Kaffee vor, die mit einem Kastenwagen angeliefert worden sind. Er nimmt auch das in Kisten geschlichtete schmutzige Geschirr vom Hauptgang mit.

Bei Kaffee und Schokokuchen fahren wir noch eine große Runde durch das hell erleuchtete Zürich. Vorbei an den Banken am Paradeplatz und den Luxusgeschäften in der Bahnhofstraße geht es Richtung Hauptbahnhof und Sihlpost. Dort heißt es dann: „Endstation! Bitte rasch aussteigen! In drei Minuten kommt von hinten eine planmäßige Straßenbahn.“ Noch eine Betriebsbehinderung können wir uns heute wirklich nicht mehr erlauben. Trotzdem trinken einige Reiseteilnehmer noch in Ruhe ihren Wein aus. Sie beeilen sich erst, als die Linienstraßenbahn schon hinter uns steht. Begleitet von wütendem Gebimmel steigen sie dann endlich aus.

Die Öffis sind in Zürich eindeutig die beste Wahl

Abgesehen von dieser einmaligen Tour mit der ‚Genuss Linie‘, die zu ausgewählten Terminen nicht nur geladenen Gästen, sondern auch der Öffentlichkeit zur Verfügung steht, bin ich diesmal kaum mit dem perfekt organisierten Zürcher ÖPNV in Berührung gekommen. Das mehr als dichte Programm der Reise war straff durchorganisiert, für den Transfer zwischen den einzelnen Stationen war jeweils ein Reisebus bestellt. Für den einen Termin etwas weiter außerhalb in Kilchberg sicher eine gute Wahl. Für kurze Fahrten innerhalb der Stadt wären aber die Öffs sicher die bessere und vor allem schnellere Alternative gewesen.

Während die Straßenbahn überall auf direktem Weg durch darf, muss der Individualverkehr in der großflächig verkehrsberuhigten Zürcher Innenstadt oft lange Umwege in Kauf nehmen. Besonders deutlich zeigt sich das am Verkehrsknotenpunkt Central in der Nähe des Hauptbahnhofs: Die Straßenbahn fährt gerade durch, der Reisebus muss hingegen eine Runde durch die halbe Altstadt fahren. Wie schwierig die Verkehrssituation am Central mit seinen zahlreichen Straßenbahnstrecken, Straßen und stark frequentierten Fußgängerüberwegen ist, zeigt sich auch daran, dass die Kreuzung noch immer händisch von Polzistinnen geregelt wird. Sie haben dazu ein eigenes überdachtes Podest mitten auf der Kreuzung. So, wie seinerzeit in meiner Heimatstadt Graz. Dort ist das allerdings schon seit gut drei Jahrzehnten Geschichte.

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Am Central in Zürich ist die Verkehrsregelung auch 2018 noch Handarbeit. (Foto: Daniel Kortschak)

Manchen Weg hätten wir auch besser einfach zu Fuß absolviert: Der große Bus hatte in den engen Straßen oft arge Mühe um die Ecken zu kommen. Zwischen geparkten Autos auf der einen und Verkehrszeichen auf der anderen Seite blieben oft nur wenige Zentimeter. Und bis alle der rund 30 Reiseteilnehmer vor dem Restaurant ausgestiegen waren, war die Gasse für alle anderen Verkehrsteilnehmer blockiert. Erst am letzten Tag der dreitägigen Reise blieb der Bus in der Garage. Den Weg vom Hotel zum etwas oberhalb der Altstadt gelegenen Uni-Gelände haben wir zu Fuß und mit der Polybahn, einer teilweise historischen Standseilbahn, absolviert. Auch mit einer größeren Gruppe kein Problem. Sieht man davon ab, dass der Entwerter defekt war und wir deshalb unsere extra gekauften Streifenkarten nicht stempeln konnten. Und, dass es einige Trödler auf dem Rückweg natürlich nicht rechtzeitig in die Bahn geschafft haben. Gewartet wird auf zueilende Fahrgäste nicht: Die Bahn fährt vollautomatisch, die Wagen sind ebenso unbesetzt wie die Berg- und die Talstation. Aber bei einer Fahrzeit von gerade einmal 100 Sekunden ist das keine wirkliche Tragödie.

Und zurück zum Flughafen ging’s dann mit dem Intercity: In Zürich ist das eine Angelegenheit von wenigen Minuten. Noch besser wär’s gewesen, gleich mit dem direkten Railjet nach Linz zu fahren: Es hätte kaum länger gedauert als die Route Zürich HB – Zürich Flughafen – Flughafen Wien – Linz Hauptbahnhof. Und statt am Checkin, bei der Sicherheitskontrolle und beim Boarding anzustehen und die Zeit im engen Flugzeug totzuschlagen, hätte man im Zug dank Stromanschluss und WLAN einige Stunden produktiv arbeiten können. Die Organisatoren der Reise haben sich’s zu Herzen genommen: Beim nächsten Mal geht’s mit dem Zug auf Studienreise in ein Nachbarland.