Einfach unsterblich: die Tatra-T3-Straßenbahnen in Prag

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T3 SUCS 7142 in der Endhaltestelle Královka (Foto: Daniel Kortschak)

Seit mehr als einem halben Jahrhundert fahren die legendären Tatra-Straßenbahnen durch Prag. Und sie werden es noch viele weitere Jahre lang tun.

Von Daniel Kortschak

Seit mehr als 55 Jahren gehören sie zum Stadtbild von Prag wie die Karlsbrücke, die Burg oder die 100 Türme: Die rot-cremefarbenen Straßenbahnwagen vom Typ Tatra T3. Über 1000 Stück sind nach Prag geliefert worden. Insgesamt haben zwischen 1960 und 1990 fast 14.000 dieser einfachen und robusten Fahrzeuge das traditionsreiche, inzwischen geschlossene ČKD-Werk im Prager Stadtteil Smíchov verlassen. Damit sind die T3 der meistgebaute Straßenbahnwagen der Welt. Von Schwerin bis Pjöngjang sind die charakteristischen Fahrzeuge, deren zeitlose Gestaltung in Tschechien zu den Design-Ikonen des 20. Jahrhunderts erklärt worden ist, bis heute in Hunderten Städten unterwegs.

Die Wagen gelten als sehr zuverlässig und sind bei den Fahrgästen nach wie vor beliebt. Im Lauf der Jahre haben Modernisierungen zahlreiche Verbesserungen gebracht: Automatische Ansagen, elektronische Fahrtzielanzeigen, gepolsterte Sitze und Haltewunschtasten. In den meisten tschechischen Städten fahren auch T3 mit Niederflureinstieg. Der stromfressende Antrieb mit dem  Beschleuniger, der für das typische Fahrgeräusch und die mitunter ein wenig ruppigen Fahreigenschaften der Tatrawagen sorgt, ist durch sparsamere elektronische Steuerungen ersetzt worden.

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Während diese modernisierten T3 in Prag ebenso wie in Brünn, Ostrava, Pilsen, Liberec, Most-Litvínov oder Bratislava nach wie vor nicht aus dem täglichen Betrieb wegzudenken sind, werden die T3 in der Ursprungsausführung immer seltener. In Prag sind seit einiger Zeit keine Tatrawagen mehr mit den typischen blau-weißen Blechliniensignalen und den unverkennbaren roten und grauen Laminat-Einzelsitzen mehr unterwegs. Zumindest auf den regulären Linien. Denn ganz sind die unsterblichen T3-Klassiker nicht von den Prager Straßen verschwunden.

Die Stadt Prag weiß natürlich um die große Beliebtheit der legendären Te-trojky, wie die T3 in Tschechien genannt werden. Und bei den Prager Verkehrsbetrieben DPP genießt die Pflege historischer Fahrzeuge einen hohen Stellenwert. Davon zeugt nicht zuletzt das große Verkehrsmuseum in der früheren Remise Střešovice.

Täglich unterwegs quer durch Prag auf der Retro-Linie 23

Deshalb gibt es jetzt eine eigene Retro-Linie 23: Sie wird ausschließlich mit den klassischen Tatra-T3 bedient. Sie fährt ganzjährig zwischen der Haltestelle Zvonařka nahe dem Verkehrsknotenpunkt I.P. Pavlova und der Zwischenschleife Královka. Damit entlastet sie die Linie 22 auf dem am stärksten belasteten Abschnitt zwischen I.P. Pavlova und der Prager Burg. Anders als die historische Linie 41 (früher 91), auf der schon seit vielen Jahren historische Zweiachser quer durch Prag fahren, gelten auf dem Retro-23er alle regulären Fahrscheine des Prager Verkehrsverbunds PID. Und im Gegensatz zur Linie 41, die Winterpause macht, fährt die Tatra-Linie 23 das ganze Jahr. Von 8.30 bis 19 Uhr sind täglich bis zu neun T3-Doppeltraktionen in der Prager Innenstadt unterwegs. Die Wagen fahren alle 30 Minuten, in der Hochsaison von April bis Oktober wird das Intervall an Wochenenden auf 15 Minuten verdichtet.

Speziell für die Retro-Linie hat der Prager Verkehrsbetrieb DPP 14 Wagen vom Typ T3 SUCS hergerichtet. Diese Straßenbahnen sind zwischen 1985 und 1989 bei ČKD in Prag gebaut worden. Es handelt sich um die Weiterentwicklung eines besonders robusten und einfachen Exportmodells für die Sowjetunion. Weil die Entwicklung eines neuen Fahrzeugtyps für Prag Verspätung bekommen hat, haben die Verkehrsbetriebe in den Achtzigerjahren noch einmal rund 300 Straßenbahnen des bewährten, aber damals schon veralteten Modells T3 bestellt, um den dringenden Wagenbedarf zu decken. Außerdem im Fuhrpark des Retro-23ers vertreten sind vier Exemplare des Typs T3M: Dabei handelt es sich um ältere T3, die in den Siebzigerjahren mit einer neuen elektronischen Steuerung modernisiert worden sind. Sie sind an der typischen Kiste auf dem Fahrzeugheck zu erkennen, in der die Thyristorsteuerung untergebracht ist. Außerdem haben sie ein leicht summendes Fahrgeräusch und fallen durch sanftere Beschleunigungsmanöver auf.

Wagen und Stationen um historische Details ergänzt

Für den Einsatz auf der Retro-Linie hat der Prager Verkehrsbetrieb DPP die Wagen liebevoll renoviert und um einige historische Details ergänzt: Zum Beispiel die ursprünglichen goldenen Wagennummern, die originalgetreuen seitlichen Routenschilder und die in den Achtzigerjahren verwendeten Haltestellenansagen vom Tonband. Auch zeitgenössische Werbung und Hinweise für die Fahrgäste hat man in den Wagen affichiert. Außerdem finden Interessierte an den Wänden der Straßenbahn eine ausführliche Beschreibung zur Geschichte der T3 in Prag und ein Porträt ihres Erfinders, des Prager Architekten František Kardaus. Leider bis dato nur auf Tschechisch.

Auch die beiden Endstationen Královka und Zvonařka atmen den Geist längst vergangener Tage: Die Haltestellensäulen sind mit historischen Piktogrammen und emaillierten Liniennummern ausgestattet. Und statt der heute üblichen Computerausdrucke hängen dort handgeschriebene Fahrplantabellen. Und noch aus einem anderen Grund sind die viele Jahre lang nicht regelmäßig bedienten Endhaltestellen des 23ers höchst sehenswert: Bei der Haltestelle Zvonařka, die mitten zwischen stattlichen Gründerzeit-Wohnblocks liegt, wie sie für den Stadtteil Vinohrady typisch sind, handelt es sich um die letzte Endstation ohne Schleife in Prag. Die Straßenbahnzüge müssen dort durch Zurückschieben in ein Stumpfgleis wenden.

Umso geräumiger und für heutige Verhältnisse überdimensioniert ist die hinter der Prager Burg gelegene Endstation Královka mit ihren drei Schleifengleisen: Sie ist für Großveranstaltungen im ehemaligen Strahov-Stadion ausgelegt, in dem einst bis zu einer Viertelmillion Zuschauer Sport-Großereignisse wie das alle fünf Jahre stattfindende Turnerfest Spartakiade verfolgt haben. Davon zeugen heute noch die großzügigen Fußgängerüberführungen über die einzelnen Haltestellengleise. Die langsam verfallenden Anlagen in der abgelegenen Schleife Královka verbreiten einen morbiden Charme. Ein perfekter Hintergrund für stimmungsvolle und authentische Bilder von den legendären T3-Straßenbahnen. Auch die seit Jahrzehnten unveränderte Haltestelle Zvonařka bietet mit den gepflasterten Straßen und den stattlichen Wohnblocks einen perfekten Rahmen für Fotos von der Prager Straßenbahn-Ikone Tatra T3.

Neben den Retro-Fahrzeugen auf der Linie 23 fahren auch noch Hunderte modernisierte T3 täglich durch die Prager Straßen. Erst vor kurzem ist auch ein weiterer T3-Umbau mit Niederflur-Mittelteil präsentiert worden. Er gesellt sich zu den schon vorhandenen 33 Wagen dieses Typs und wird dafür sorgen, dass das legendäre T3-Gesicht noch viele Jahre lang in den Straßen von Prag zu sehen sein wird.

Bald kommt der Partywagen „T3 Coupé“

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Entwurf für den Partywagen „T3 Coupé“. Copyright: Anna Marešová Designers – http://www.annamaresova.com

Und noch ein neues Schmankerl für T3-Fans plant der Prager Verkehrsbetrieb DPP für’s kommende Jahr: Ein ausrangierter Tatrawagen soll zu einem Straßenbahn-Coupé umgebaut werden. Die junge tschechische Designerin Anna Marešová hat einen Partywagen mit Bar und Tanzfläche gestaltet, im hinteren Teil der Straßenbahn können bei Schönwetter die Seitenscheiben ausgehängt werden. In Anlehnung an die bisherigen T3-Ausflugswagen soll das T3-Coupé in elegantem Blau über die Straßen fahren. Dienen soll die Partystraßenbahn vor allem für private Sonderfahrten. Der Verkehrsbetrieb DPP kann sich aber auch öffentliche Rundfahrten an einem bestimmten Wochentag vorstellen. Schon im Oktober 2018 soll der jüngste T3-Umbau die ersten Fahrgäste durch Prag befördern.