Jaroslav Rudiš: „Bahn fahren fasziniert mich.“

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Jaroslav Rudiš – Bild: Wikimedia commons/Rafał KomorowskiCC-BY-SA 4.0

Von Daniel Kortschak

Er gilt als einer der größten Eisenbahnfans in Tschechien: der Schriftsteller Jaroslav Rudiš. Am 25. Jänner 2018 hat er im Stifterhaus in Linz aus seinem Roman „Nationalstraße“ gelesen. Der Schienenradler hat ihn bei dieser Gelegenheit zum Gespräch getroffen.

Jaroslav Rudiš, Vandam, der Held in deinem Buch „Nationalstraße“, ist ein ziemlicher Grobian, der sich in düsteren Kneipen herumtreibt, wie wir sie alle aus den Prager Siedlungen kennen. Ist das auch einer dieser Enttäuschten, die jetzt die Rechtsextremen wählen – AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich oder die SPD von Tomio Okamura in Tschechien?

Ich hoffe, der würde gar nicht wählen. Aber er weiß viel über die Politik, die Geschichte und das Leben. Und er weiß genau, wo das alles hinführt, was für eine Gefahr hinter dem Populismus steckt. Diese eine „Volkswahrheit“ und dass die anderen einfach Lügner sind. Dieses „Wir sind die einzigen, die Recht haben.“ Das ist sehr gefährlich. Das weiß der Vandam. Der provoziert gerne damit. Er bringt die anderen dazu, dass sie sich damit auseinandersetzen und darüber nachdenken. Und vielleicht denkt auch der Leser darüber nach, was das eigentlich ist, was das für eine Welt ist, in der wir leben.

„Nationalstraße“ handelt auch von einer Spaltung in der Gesellschaft. Wir erleben jetzt gerade den zweiten Durchgang der Präsidentenwahl in Tschechien. Da gibt es zwei Kandidaten, die könnten auch nicht unterschiedlicher sein: Auf der einen Seite ein oft nicht ganz nüchterner Grobian namens Miloš Zeman, auf der anderen Seite Jiří Drahoš, ein hyperkorrekter Professor, ehemaliger Präsident der Akademie der Wissenschaften, den viele für langweilig halten. Ist die tschechische Gesellschaft von heute auch so gespalten?

In der Tat, ja. Das zeigt diese Wahl auch. Wenn da zwei moderate Kandidaten antreten würden oder sich ein Kandidat der Linken und einer der Konservativen gegenüberstehen würden, dann wäre das ganz anders. Wir haben da mit Miloš Zeman wirklich so einen Nationalisten, der übrigens eine interessante Verwandlung hinter sich hat: Er war eigentlich ein überzeugter Europäer, ein Euro-Föderalist, der so schnell wie möglich in Tschechien den Euro einführen wollte. Er war für mehr Europa. Jetzt ist er für mehr Russland in Mitteleuropa. Zumindest sagen das einige. Auf jeden Fall macht er diese populistischen und nationalistischen Tendenzen bei uns sehr greifbar. Der andere, Jiří Drahoš, ist ein Moderater. Er ist natürlich kein Politiker, er kommt aus der Wissenschaft. Aber er ist ein überzeugter Europäer. Mit ihm gibt es jetzt ziemlich viel Hoffnung, dass sich in Tschechien alles ein wenig verändern kann, wenn er gewinnen würde. Und die Chancen sind nicht schlecht, aber sie sind auch nicht besonders gut (lacht), es ist wirklich so 50 zu 50. Trotzdem merkt man, dass er für viele Leute eine Hoffnung auf einen politischen Kurswechsel verkörpert. Das wäre schon toll, wenn er es schafft. Dann hätten wir nämlich einen pro-europäischen Präsidenten als Gegengewicht zu der populistischen Regierung. Das wäre auf jeden Fall eine schöne Kurskorrektur.

Was ist dieser Miloš Zeman für ein Typ? Warum kommt der so gut an bei den Leuten?

Na ja, er kommt nicht bei allen Leuten gut an. Seine Wähler sind meistens älter, meistens auch ärmer. Meistens sind das Verbitterte, die mit der Wende mehr verloren als gewonnen haben. Zeman gewinnt auch in den Regionen, wo das Leben nicht so gut ist. Wo die Menschen zwar alle Arbeit haben, aber oft ist das eine schlecht bezahlte Arbeit. Da kommen natürlich seine einfachen Thesen und seine Angsmacherei gut an. Er ist einfach ein politischer Profi. Er ist seit der Wende politisch aktiv, ein sehr guter Redner, eigentlich schon ein kluger Kopf und sein grober Humor kommt bei manchen Leuten wirklich gut an. Es gibt natürlich auch genug Menschen, die seine Bonmots nicht mehr hören können. Irgendwie hat er ein sehr gutes Gespür für das, was die Leute hören wollen. Er war ein überzeugter Pro-Europäer zu der Zeit, als die ganze Stimmung im Land sehr für Europa war. Und jetzt spürt er eben eine andere Tendenz, er spürt diese Ängste unter den Menschen. Dabei bietet er ihnen keine Perspektiven. Er stimmt den Leuten einfach zu und sagt: „Jaja, es ist wirklich gefährlich, wir leben in einer gefährlichen Welt. Wenn ich Präsident bleibe, werde ich euch beschützen.“ Das ist natürlich sehr vereinfacht, was ich jetzt gesagt habe … Drahoš, der zweite Kandidat, bietet schon andere Perspektiven. Er will Tschechien wieder mehr im Westen verorten. Viel mehr, als das Zeman tut.

Wir wissen nicht wie die Wahl ausgeht, es ist sehr, sehr knapp. Aber nehmen wir an, Zeman gewinnt die Wahl noch einmal und geht in seine zweite Amtszeit. Wie geht es dann weiter in Tschechien?

Da wird sich wahrscheinlich kaum etwas ändern, es wird sich fortsetzen, was wir jetzt erleben. Aber, wir hatten ja auch im Herbst Parlamentswahlen und da haben die Parteien der Mitte, die moderaten Kräfte verloren. Die Populisten liegen voran. Umso mehr hoffen die Leute, dass mit Draoš jetzt ein Kurswechsel kommt. Selbst wenn er das jetzt verliert, würde diese Dynamik bleiben: der Wunsch vieler Tschechen nach Veränderung. Spätestens bei der nächsten Präsidentschaftswahl oder bei der nächsten Parlamentswahl würde sich das dann im Ergebnis äußern. Davon bin ich fest überzeugt. Diese unglaublich positive Energie geht nicht verloren. So eine positive Stimmung im Land habe ich schon lange nicht mehr erlebt, diese Hoffnung, dass man die Politik auch zu etwas Gutem machen kann. Oder, dass die Politik und etwas Gutes bringen kann und nicht nur die Ängste schüren. Von dieser Angstmacherei haben viele Leute die Schnauze voll.

Nehmen wir jetzt an, Jiří Drahoš gewinnt die Wahl: Was ändert sich dann in Tschechien? Was wird dann besser?

Gute Frage! Ich bin davon überzeugt, dass das ein Zeichen wird – aus Tschechien, aber auch aus Mitteleuropa heraus, für die Wähler in den anderen Ländern, für Europa: Dass es auch hier Leute gibt, die an Europa glauben , die sich nicht durch das Schüren von Ängsten einschüchtern lassen und dass unsere Zukunft in Europa liegt und nicht in einem Land, das sich abschottet und eine Mauer aus Biergläsern um sich herum baut (lacht).Dass eben in der Offenheit die Zukunft des Landes liegt.

Es ist schon erstaunlich, wenn man die bisherigen tschechischen Präsidenten Revue passieren lässt: Da war Václav Havel, der Dissident, der Schriftsteller, der Intellektuelle als erster Präsident nach der Samtenen Revolution. Dann kam Václav Klaus, der neoliberale Euro-Skeptiker, der den Klimawandel vehement leugnet und zum Lachen in den Keller geht. Und jetzt dieser hemdsärmelige, manchmal betrunkene, leutselige und oft sehr grobe Miloš Zeman …

… der eigentlich auch ein Intellektueller ist, der sehr belesen ist. Das muss man ihm lassen.

Aber diese Entwicklung ist schon erstaunlich. Was ist da passiert in der tschechischen Gesellschaft in so kurzer Zeit?

Da merke ich einfach, was für einen Lottogewinn wir mit Václav Havel gemacht haben, was für eine Ausnahmeerscheinung er war. Nicht nur in Tschechien, nicht nur in Ost- und Mitteleuropa, sondern auf der ganzen Welt. Ich erinnere mich sehr gut an meine ersten Reisen in den Westen, nach Deutschland, in die Schweiz, nach Österreich, aber auch nach Frankreich: Da haben uns alle bewundert für diesen Präsidenten. Das war auch für ganz viele Menschen außerhalb von Tschechien ein Politiker, den man einfach sehr, sehr geschätzt hat: als Intellektuellen, als Autor, aber auch als Menschen. Was ich sehr vermisse und womit ich Havel verbinde ist dieser Humor, der nicht so brutal oder grob war, wie der von Miloš Zeman, sondern sehr feinsinnig und von Selbstironie geprägt. Die ist für uns Tschechen so typisch und für die sind wir auch bekannt.

Genug der Politik. Zurück zu dir, Jaroslav Rudiš. Du schreibst an deinem ersten Roman auf Deutsch und auch ein Band mit Erzählungen kommt bald heraus. Der erscheint sogar hier ganz in der Nähe von Linz.

Zur Leipziger Buchmesse jetzt im März erscheint in der Edition Tannhäuser hier in Ottensheim bei Linz mein Band mit Kurzprosa. Das sind Texte, die ich in der letzten Zeit auf Deutsch geschrieben habe. Und ich bin immer wieder gerne hier. Ich lebe ja mittlerweile in Berlin, aber wenn man dann in Krems oder in Linz aus dem Zug aussteigt, dann hat man fast so ein Heimatgefühl. Vor allem in Ober- und Niederösterreich ist es schon ganz ähnlich wie in Tschechien. Ich bin hier auch sehr gerne unterwegs mit der Bahn. Ich habe ein Monat in Ottensheim verbracht, habe mit einem Stipendium hier geschrieben. Es freut mich, dass daraus jetzt etwas entsteht und von diesem Aufenthalt jetzt etwas bleibt. Es ist schön, dass hier etwas verlegt wird, was auch hier entstanden ist.

Du bist sehr gerne mit der Bahn unterwegs, ich sehe auf Twitter auch immer wieder deine Fotos aus dem Speisewagen. In Deinen neuen Werken geht’s ja auch um die Bahn …

Ich mag Bahn fahren wirklich. Für mich ist Europa auch eine endlose Eisenbahnreise. Ich besitze zwar ein Auto, bin aber in der letzten Zeit kaum damit unterwegs. Ich fliege auch total ungern. Ich freue mich auf lange Strecken mit der Bahn. Wie eben zum Beispiel heute von Berlin nach Linz. Für mich ist auch die ganze Geschichte des letzten Jahrhunderts, die Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie, eng mit der Eisenbahn verbunden. Wenn man sich die Bahnhöfe anschaut in Böhmen, in der Slowakei, oder wenn man in Lviv in der Ukraine aus dem Zug aussteigt: Das ist schon unglaublich, wie ähnlich sich dort überall die Bahnhöfe sehen. Das ist das, was bis heute von der Monarchie geblieben ist: eine wirklich nie untergegangene Welt. Das fasziniert mich: Diese Kulissen, diese Züge, diese gemeinsame Geschichte, die da immer irgendwie eine Rolle spielt. Das beschäftigt mich schon seit Jahrzehnten.

Und darum geht es auch in Deinen neuen Erzählungen?

Genau. Eigentlich vor allem in dem Roman, an dem ich arbeite. Aber auch in diesem kleinen Buch mit den Erzählungen, das jetzt im März erscheint: da gibt’s auch eine schöne Eisenbahnreise.

Da sind wir schon gespannt. Vielen Dank für das Gespräch, Jaroslav Rudiš. Und komm‘ gut zurück nach Nordböhmen mit dem Zug. Das ist ja eine ziemlich lange Reise von Linz aus.

Der Erzählband „Besuch von Herrn Horváth“ erscheint im März 2018 in der Edition Thanhäuser.